Interview mit Reinhard Loske

Prof. Dr. Reinhard Loske ist Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke. Er war von 1998 bis 2007 Mitglied des Bundestages für die Partei Bündnis 90/Die Grünen und von 2007 bis 2011 Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa der Stadt Bremen. Sein Artikel “Ist ohne Wachstum wirklich alles nichts?” in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung trug mit dazu bei, dass sich der Bundestag in einer Enquete-Kommission mit den Triebfedern und Auswirkungen von Wirtschaftswachstum beschäftigte. Für die Interview-Reihe des Stream towards Degrowth hat er unsere Fragen beantwortet.

Stellen Sie sich vor, die Welt erlebt eine Zeit des „guten Lebens“ jenseits des Wachstums. Blicken wir dann, sagen wir im Jahre 2030, auf die vergangenen Jahrzehnte zurück.

1. Inwiefern war die Gesellschaft wachstumsabhängig?

Unsere Gesellschaft war gefühlt sehr wachstumsabhängig. Die vorherrschende Sichtweise lautete: Wenn Wirtschaftswachstum ausbleibt, gerät der soziale Frieden in Gefahr. Arbeitsmarkt, Staatsfinanzen, Renten- und Gesundheitssystem und nicht zuletzt die Finanzmärkte kommen auf die abschüssige Bahn, wenn keine Aussicht auf Zuwachs mehr besteht, so die von Wirtschaftsforschung, Medien und Politik immer und immer wieder propagierte Ideologie. Diese “Angststarre” hat wirkliche Veränderungen in Politik und Wirtschaft lange Zeit verhindert. Und das undifferenzierte Beschwören des “grünen Wachsums” hat auch nicht gerade zu der Einsicht beigetragen, dass im permanenten Wachstumsstreben an sich ein Problem liegt. Da sind wir heute zum Glück weiter.

2. Welche waren die Hindernisse, die einer Wachstumswende im Wege standen?

Ich habe mich lange Zeit gefragt, ob das ständige Wachstumsstreben eine anthropologische Konstante, ein kulturelles Phänomen oder ein (im Kapitalismus) systemischer Zwang ist – und war mir selbst nicht sicher. Heute würde ich sagen, angeboren ist es uns nicht, anders als das Streben nach Sicherheit, Selbstverwirklichung und Zugehörigkeit. Weil der Zeitgeist seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts aber davon ausging, dass Wachstum quasi die Voraussetzung für das Erreichen eben dieser erstrebenswerten Ziele ist, kam es zu einer falschen “Ineinssetzung” von Wohlfahrt und Wachstum. Diese Ideologie zu knacken war sehr schwer. Und sie ist ja auch bis heute keineswegs vollständig überwunden. Aber mit der Verkürzung der Arbeitszeiten, der Einführung des Grundeinkommens, dem Boom der “Sharing-“, der “Repair-” und der “Do it yourself & Do it together-Economy”, den wir in der hinter uns liegenden Dekade erlebt haben, sind unsere Ängste vor Wohlstandsverlusten schwächer geworden. Wir realisieren zunehmend, dass wir vieles selber machen können und nicht auf dem Markt zukaufen müssen – und dass das gar nicht schlechter sein muss, sondern vielleicht sogar erfüllender.

3. Welchen Beitrag haben sie für eine Gesellschaft jenseits des Wachstums geleistet?

Klar ist, dass wir alle bestenfalls “Teilzeitheilige” sind. Wer ist schon frei von Widersprüchen. Als Wissenschaftler, Politiker und NGO-Aktivist habe ich durch Reden, Schreiben und Handeln versucht, Nachhaltigkeitszielen zum Durchbruch zu verhelfen, wo immer es möglich war. Einiges kann sich vielleicht sehen lassen. Als Privatperson habe ich versucht, das Propagierte auch selbst zu leben, also Mobilität, häuslichen Energieverbrauch, Ernährung und Anschaffungen so zu gestalten, dass sie möglichst umweltverträglich sind. Der größte Beitrag ist vielleicht, dass ich meinen Kindern zu vermitteln versucht habe, dass es nicht primär darauf ankommt, was man hat, sondern wer man ist. Mit meinen entsprechenden Bemühungen bin ich eigentlich ganz zufrieden. Aber Luft nach oben, auch bei mir selbst, ist immer!

4. Was macht für Sie das “gute Leben” innerhalb einer Gesellschaft mit bewusst geringem Produktions- und Konsumniveau aus?

Darauf muss jeder Mensch seine eigene Antwort finden. Für mich selbst ist es die größte Freiheit und das größte Glück, in der freien Natur sein zu können – mit Menschen, die ich gerne um mich habe, aber ebenso gerne auch alleine oder nur mit dem Hund. Da brauche ich gar nichts, maximal die Axt, um Holz zu hacken, oder die Sense, um Gras zu mähen. Da kommen mir die besten Gedanken.

5. Welche Anzeichen für eine Welt jenseits des Wachstums gab es schon 2013?

Vieles von dem, was wir heute als Teil der Lösung sehen, war zur Jahrtausendwende schon im Keim vorhanden. Das gilt für die technischen Entwicklungen wie die erneuerbaren Energien oder die Kreislaufwirtschaft ebenso wie für die sozialen Innovationen, die wir heute als bedeutenden Teil der Nachhaltigkeitsstrategie sehen: vom Urban Gardening über Tauschringe und Regionalwährungen bis zum Social Banking. Es war sehr wichtig, dass sich um 2015 herum allmählich die Einsicht durchsetzte, dass Kulturwandel und soziale Innovationen mindestens ebenso wichtig für das Gelingen der “Großen Transformation” sind wie technische Innovationen und ökonomischer Strukturwandel.