Von Christiane Kliemann

von Christiane Kliemann

Mit der Sommerschule im Klimacamp im Rheinland werden zum ersten Mal die Themen Degrowth und Klimagerechtigkeit explizit zusammen gedacht. Das Eröffnungspodium ,,Keine Klimagerechtigkeit ohne Degrowth‟ hatte somit die Aufgabe, den großen Bogen zu schlagen und die Verbindungslinien zwischen Klimagerechtigkeit, Degrowth und dem Widerstand gegen fossile Energieträger zu ziehen. Darüber hinaus zeichneten die vier Redner*innen eine klare Vision, wie die grundlegenden Ursachen des Klimawandels anzugehen seien, und wiesen auf mögliche Verknüpfungen zwischen Bewegungen aus Nord und Süd hin. Sie betonten auch die Notwendigkeit direkter Aktionen auf wie jene gegen den Braunkohleabbau im Rheinland.

Die kolumbianische Ökonomin Lyda Fernanda Forero vom Transnational Institute in Amsterdam stellte das Konzept der Klimagerechtigkeit aus der Perspektive des Globalen Südens vor und machte sehr deutlich, dass die offiziellen UN-Verhandlungen an den Hauptursachen des Klimawandels vorbeigingen. Die sogenannte ,,Green Economy‟ sei ein gutes Beispiel für weit verbreitete ,,falsche Klimalösungen‟. Diese sicherten das Fortbestehen des derzeitigen ökonomischen Systems, anstatt die zugrunde liegende anthropozentrische, wachstums- und entwicklungsfokussierte Logik zu hinterfragen. Forero hob hervor, dass ein marktbasiertes System, das alles mit einem Preisschild versehe, die Klimakrise überhaupt erst ausgelöst habe und somit nicht deren Lösung sein könne: “Weder die Natur, noch das Leben selbst sind mit Geld aufzuwiegen”. Deshalb, so Forero, könne auch die historische Schuld des Globalen Nordens, die auf die jahrhundertelange Ausbeutung der Ressourcen im Süden zurückginge, mit Geld alleine nicht bezahlt werden. Vielmehr sei dies nur durch einen kompletten Systemwandel möglich.

“Wir müssen das patriarchalische System des Kapitalismus überwinden”

Die Bürgerbewegungen des Globalen Südens hätten jedoch über die vergangenen Jahre Strategien entwickelt, um die Lösung der Klimakrise konstruktiv anzugehen. Beispiele hierfür seien das Konzept der Ernährungssouveränität, das aus der Bewegung der Kleinbauern entstanden sei, sowie die kommunale Energiesouveränität, der Waldfeldbau, die Forderung, fossile Energieträger im Boden zu lassen, und eine Veränderung sowohl der Beziehung zwischen Mensch und Natur als auch der Beziehungen zwischen den Menschen selbst. ,,Die Natur gehört nicht uns, sondern wir gehören der Natur‟. Mit Hinblick auf das Konzept des Öko-Feminismus verwies sie weiter auf die Notwendigkeit veränderter Geschlechterbeziehungen und den Respekt gegenüber der Rolle der Frau als Schlüssel ,,um den Kapitalismus als patriarchalisches System zu überwinden”.

Joanna Cabello von Carbon Trade Watch erklärte, warum die von UN und Konzernen favorisierten Marktmechanismen nicht nur die Lösung des Klimaproblems verfehlten, sondern dieses sogar noch verstärkten. Hauptursache seien die dadurch bedingte Legalisierung von Treibhausgasemissionen und die vielen scheinbar grünen, aber tatsächlich zerstörerischen Projekte im Globalen Süden. Diese seien zum Beispiel Megastaudämme, Monokulturen und Biokraftstoffe, die nur durch das neu geschaffene ,,Klimageld” aus Finanzierungsmechanismen für einen CO2-Ausgleich hätten entstehen können. So könnten Unternehmen dank des Emissionshandels weiter verschmutzen solange sie an anderer Stelle kompensierten. Cabello rief daher zum Widerstand gegen den offiziellen UN-Klimaprozess auf, da dieser von den wirklichen notwendigen Herausforderungen ablenke: ,,Wie ist es möglich, dass die Emissionen des Fliegens durch Waldplantagen ganz woanders kompensiert werden, die 100 Jahre benötigen um den verursachten CO2-Austoß zu absorbieren?”, fragte sie.

Degrowth als emanzipatorisches Projekt

Der Wirtschaftshistoriker Matthias Schmelzer startete mit der Frage, ob man Degrowth als Bewegung verstehen könne, die nichts weiter täte als ökonomische Langzeittrends vorwegzunehmen. Denn erstens weise sowieso Vieles darauf hin, dass eine lange Phase stagnierenden Wirtschaftswachstums bevorstünde, und zweitens zöge sich Wachstumskritik inzwischen über das gesamte politische Spektrum. Aus diesem Grund, so Schmelzer, sei es allerdings besonders wichtig, Degrowth als emanzipatorisches Projekt zu begreifen, das Gerechtigkeit und Solidarität besonders im Blick habe und Machtstrukturen hinterfrage. In diesem Kontext definierte er Degrowth als bewusste und demokratische Entscheidung Produktion und Konsum im Globalen Norden zu verringern, um allen ein gutes Leben innerhalb der natürlichen ökologischen Grenzen zu ermöglichen. Auf Grund der engen Verbindung von Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen sieht Schmelzer Degrowth im Norden als notwendige jedoch nicht hinreichende Bedingung für Klimagerechtigkeit im Globalen Süden. Er wies darauf hin, dass eine radikale Transformation auf den folgenden Ebenen stattfinden müsse:

– Radikale Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Wohlstand
– Offene wirtschaftliche Lokalisierung, die gleichzeitig Raum lässt für Mobilität
– Maximal- und Grundeinkommen
– Suffizienzbasierte Infrastrukturen mit mehr öffentlicher anstatt privater Kontrolle
– Kleine lokale Experimentierräume

In diesem Sinne beschrieb Schmelzer Degrowth und Klimagerechtigkeit als natürliche Verbündete: Klimagerechtigkeit als Perspektive des Globalen Südens, die aus sehr konkreten Auseinandersetzungen entstanden sei, während Degrowth im Globalen Norden als theoretische Kritik an Wirtschaftswachstum, Entfremdung, neokolonialer Hegemonie sowie eigenen Privilegien entstanden sei; in Verbindung mit experimentellen Projekten. Gemeinsamkeiten zwischen beiden Bewegungen sieht Schmelzer in der Kritik am sozial-ökonomischen System, freien Märkten und Kapitalismus, sowie dem Konzept der Klimaschuld und der Forderung, Ressourcen im Boden zu lassen.

Lokale Kämpfe für den globalen Wandel

Schließlich schlug Timo Luthmann aus der Anti-Kohle Bewegung im Rheinland den Bogen zur Rolle des Widerstandes gegen den Braunkohletagebau im Rheinland für die internationale Klimabewegung, was eine interessante Parallele zu den Kämpfen der Klimagerechtigkeitsbewegung im Globalen Süden darstellt. Mit dem Abbau von 100 Millionen Tonnen Braunkohle, deren Emissionen denen von 30 Millionen Pkw entsprächen, stelle das Rheinische Braunkohlerevier die größte CO2-Quelle Europas und somit eine der Hauptursachen des Klimawandels dar. Luthmann sieht die jährlichen Klimacamps direkt am Tagebau als ,,Labore des Widerstands” und somit einen wichtigen Ort im Kampf um Klimagerechtigkeit. Im Rahmen der jüngsten Gewerkschaftsaktionen zur Erhaltung von Arbeitsplätzen im Braunkohletagebau sei die Region zudem ein Brennglas für soziale Konflikte rund um die Braunkohle. Anstelle von Appellen an die Mächtigen setze die Bewegung auf Selbstermächtigung und direkte Aktionen, um die bestehenden Machtstrukturen herauszufordern. Hier am Rande der Kohlegruben seien die mit gesellschaftlichen Transformations-prozessen verbundenen Konflikte direkt sichtbar und erfahrbar. “Ende Gelände”, die Massenaktion gegen den Braunkohletagebau direkt im Anschluss an die Sommerschule, stelle eine Ausweitung des Widerstands dar, die auf den Erfahrungen der Klimacamps der vergangenen Jahre aufbaue. Laut der kanadischen Journalistin und Aktivistin Naomi Klein ist das rheinische Braunkohlerevier demnach “der wichtigste Ort an dem man in diesem August sein kann”.

Autor_in

Christiane Kliemann ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Postwachstum, alternatives Wirtschaften und sozialer Wandel. Zuvor hat sie für das UN Klimawandelsekretariat und die Deutsche Welle gearbeitet.