Vom 19. bis 23. August 2016 findet die 2. Degrowth-Sommerschule auf dem Klimacamp im Rheinland statt. Unter dem Motto “Skills for System Change” wird es mit einem vielfältigen Programm um gelebte Alternativen zum aktuellen Wirtschaftssystem gehen. Nachdem die Sommerschule zu Ende gegangen ist, beginnt auf dem Klimacamp das “Aktionslabor”, das vom 24.-29. August geht. Was es damit auf sich hat und wie man mitmachen kann, erklären Melanie und Milan, die an der Vorbereitung des Aktionslabors beteiligt sind.

1. Was ist ein Aktionslabor? Wie seid Ihr darauf gekommen?

Das Aktionslabor ist dafür da, bewährte Aktionsformen weiter zu denken sowie an neue Situationen und Umgebungen anzupassen. Wir wollen mit vielfältigen Aktionen die Kohleinfrastruktur im rheinischen Braunkohlerevier stören.
Letztes Jahr haben wir mit „Ende Gelände“ eine sehr erfolgreiche Großaktion Zivilen Ungehorsams durchgeführt. Die kollektiven Erfahrungen, die dort gemacht wurden, haben dazu geführt, dass die Klimabewegung gerade einen ganz neuen Aufschwung erfährt. Um als Bewegung erfolgreich zu sein, brauchen wir viele unterschiedliche Aktionsformen, die sich auch mit wenigen Menschen und im Alltag durchführen lassen. Deswegen wollen wir mit dem Aktionslabor einen Rahmen schaffen, in dem weitere Aktionsformen kennengelernt und angewendet werden können.

2. Ist das Aktionslabor in einen größeren Rahmen eingebettet?

Um den größeren Rahmen zu verstehen, müssen wir uns verdeutlichen, dass die Kernursache für den Klimawandel im wachstumsbasierten Kapitalismus liegt. Um diesen zurück zu drängen, brauchen wir gelebte Utopien, wie sie in der Degrowth-Bewegung entwickelt werden. Wir brauchen aber auch Widerstand, um die fossile Industrie stoppen zu können – sonst wird uns der Klimawandel die Perspektive für ein gutes Leben für alle nehmen. Um konkrete Schritte wie einen Kohleausstieg zu schaffen, haben wir als Klimabewegung letzten Herbst einen Aktionsplan bis 2017 geschmiedet:
Dieses Jahr wird an Pfingsten Ende Gelände in der Lausitz mit dem Slogan „Wir sind das Investitionsrisiko“ stattfinden. Im Sommer wollen wir dann mit dem Aktionslabor neue Aktionsformen ausprobieren. 2017 sollen alle Aktionsformen zusammenkommen und im rheinischen Braunkohlerevier auf verschiedenen Abschnitten nebeneinander stattfinden, wie das früher bei den Castortransporten auch gemacht wurde.

3. Welche Formen von Aktionen sollen da stattfinden? Und welche nicht?

Nicht nur die Klimabewegung hat in den letzten Jahren viele Aktionsformen entwickelt und stetig verbessert. Wir können noch viel lernen z.B. von der antirassistischen Bewegung oder auch von queer-feministischen oder globalisierungskritischen Gruppen – genau aus diesem Grund laden wir auch Menschen aus anderen sozialen Kämpfen ins Rheinland ein. Darüber hinaus erhoffen wir uns, dass ganz neue Ideen speziell für die Antikohlebewegung entwickelt werden. Dabei freuen wir uns, wenn viele kreative Aktionsideen entstehen; genauso wie wir uns freuen, wenn es Klein- oder auch Großgruppen gelingt auf effektive Weise Kohleinfrastruktur zu blockieren oder den reibungslosen Ablauf auf andere Weise durcheinander zubringen.
Für uns ist es wichtig, dass dabei keine Menschen gefährdet werden und auch lokale Strukturen respektiert werden. Dazu wird es auch eine Form von Aktionsrahmen geben – also ein Schriftstück, in dem die soziale Umgebung, in welcher sich die Aktivist*innen dann bewegen, erläutert wird.

4. Aber es geht auch um Zivilen Ungehorsam, oder? Warum schließt Ihr Gesetzesübertretungen nicht aus? Es gibt doch viele legale Protestformen.

Wir leben gerade in einem historischem Zeitfenster. Obwohl der Klimavertrag von Paris gefeiert wurde, werden die konkreten Verhandlungsergebnisse uns nicht vor einem sich selbst beschleunigenden Klimawandel schützen. Um ihn zu verhindern, brauchen wir eine tiefgreifende gesellschaftliche Transformation. Wenn wir uns Widerstandsbewegungen aus der Vergangenheit anschauen, z.B. die Frauenbewegung oder den Antikolonialen Befreiungskampf, dann hat ihr Erfolg immer auch auf Aktionen Zivilen Ungehorsams gefußt. Daran erinnern wir uns, wenn wir zu direkten Aktionen aufrufen. Wir haben das Recht, uns gegen die Zerstörung unserer Zukunft und gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Menschen im hier und jetzt zu wehren. Spätestens wenn alle legalen Mittel scheitern, wie das gerade der Fall ist, sind dafür auch Gesetzesübertretungen legitim.

5. Ist das nur was für erfahrene Aktivist*innen? Wer sorgt für die Sicherheit?

Das Aktionslabor ist keineswegs nur etwas für erfahrene Aktivist*innen. Es ist vielmehr genau dafür da, die Hürden für das Machen von Aktionen runter zu setzen. Deswegen wird es auf dem Klimacamp Workshops zu Grundlagen von Aktionen geben. Zudem laden wir Menschen ein, ihre Aktionsideen im Voraus anzukündigen, um dafür weitere Menschen zu finden und sie mit ihnen auf dem Camp weiterzuentwickeln. Das kann von einer angemeldeten Mahnwache über Flaschmobs bis hin zu direkten Blockaden alles sein. Welche Ideen durch wen umgesetzt werden, kann jede*r ganz nach den eigenen Bedürfnissen entscheiden. Wer sagt schon, wer erfahren ist? Alle können von anderen etwas lernen!

6. Was sollte man denn so mitbringen, wenn man da mitmachen möchte?

Festes Schuhwerk, robuste und wetterfeste Kleidung und eine Trinkflasche kann auch nicht schaden. Aber vor allem Neugierde, Geduld und Ideen!

Das Interview führte Christopher Laumanns, eine der Pressekontakt-Personen der Degrowth-Sommerschule 2016.

Das Degrowth-Webportal und die Degrowth-Sommerschule veranstalten das Aktionslabor nicht mit und rufen auch nicht zu Zivilem Ungehorsam auf. Die Degrowth-Sommerschule bildet jedoch eine Brücke zwischen den Bewegungen für Degrowth und Klimagerechtigkeit und deshalb berichten wir über das Aktionslabor.