Von Tobi Rosswog

Interview mit Tobi Rosswog von living utopia

Wir freuen uns sehr, dass die Utopie-Ökonomie-Konferenz UTOPIKON, die 4-6 November in Berlin stattfindet, Teil unseres Stream Towards Degrowth ist. Mit dem Stream wollen wir zeigen, dass die Suche nach alternativen Gesellschaftsentwürfen jenseits des Wachstumsparadigmas bei vielen Menschen auf große Begeisterung stößt, und dass es bereits eine bunte Vielfalt an Initiativen gibt.  Eine davon ist das Netzwerk living utopia, das die UTOPIKON mit viel Enthusiasmus organisiert. Was das besondere an diesem Event ist und warum es sich unbedingt lohnt, dafür nach Berlin zu kommen, erklärt Tobi Rosswog hier im Interview:

Barbara Muraca nennt Degrowth eine „konkrete Utopie“. Habt Ihr schon eine konkrete Vorstellung von Eurer Utopie, oder geht es gerade darum, diese erst entstehen zu lassen?

Persönlich habe ich natürlich schon durchaus konkrete Vorstellungen, die sich allerdings auf dem Weg hin zur Utopie noch klarer entwickeln werden. Denn im Prozess werden Herausforderungen entstehen, die wir so heute noch nicht abschätzen konnten, sondern die wir vielmehr dann im Lauf dynamisch und spontan darauf reagierend, lösen können. Was wir unter Utopie verstehen, lässt sich in dem Gedicht von Fernando Birri wiederfinden:

„Die Utopie sie steht am Horizont.
Ich bewege mich zwei Schritte auf sie zu
und sie entfernt sich um zwei Schritte.
Ich mache weitere 10 Schritte
und sie entfernt sich um 10 Schritte.
Wofür ist sie also da, die Utopie?
Dafür ist sie da:
um zu gehen!“

Utopie ist für uns ein Freiraum, indem Bedenken wie „Das kann ich mir nicht vorstellen“ oder „Das hat noch nie funktioniert“ keinen Platz haben. Utopie also als Motor der Veränderung. Für uns ist zentral, Austausch-, Erfahrungs- und Experimentierräume zu schaffen, in denen nicht nur theoretisch, sondern vor allem auch praktisch ausprobiert wird, um utopietaugliche Alternativen entstehen zu lassen.

Meine persönliche konkrete Utopie eines gesellschaftlichen Miteinanders ist ganz kurz und unvollständig skizziert so, dass wir außerhalb von Leistungsdruck, Selbstoptimierungswahn & Verwertungslogik unser Potential frei entfalten können, um das gefundene Talent dann mit der Gesellschaft zu teilen. Eine geldfreie Gesellschaft ist für mich unbedingt denkbar. Der Weg dahin wird ein spannender und diesen mitzugestalten zu dürfen freut mich sehr!

Ist Degrowth für Euch ein Konzept, das sich mit Eurer Vorstellung von einer sozialeren, ökologischeren und freudvolleren Gesellschaft deckt oder überschneidet?

Unbedingt ist Degrowth ein wichtiges Konzept und vor allem eine bedeutende Bewegung, um neue Impulse zu geben. Da degrowth ein sehr breiter Begriff ist, ist eine genaue Analyse in dem Interview gar nicht möglich. Auf jeden Fall lässt sich aber sagen, dass wir stark inspiriert sind von der Degrowth-Idee. Die spannende Frage an der Stelle ist: Wie können wir Degrowth verwirklichen?

Ihr legt ja bei Euren Veranstaltungen und auch in Eurem eigenen Leben viel Wert darauf, möglichst geldfrei oder zumindest geldfreier zu leben. Wie könnte mehr Geldfreiheit Eurer Meinung nach einen breiteren sozial-ökologischen Wandel anstoßen?

Die Idee ist idealerweise eigentlich relativ einfach. Wir möchten dazu anregen, dass Menschen geldfreier werden und dadurch lohnarbeitsunabhängiger. Diese frei gewordene Zeit können sie aus intrinsischer Motivation dann in die freie Entfaltung ihrer Talente stecken, um diese dann mit der Gemeinschaft zu teilen. Wenn ich geldfreier werde, lebe ich auch suffizienter – also genügsamer. Ich stelle mir öfter die Frage: Was brauche ich eigentlich wirklich? Und wenn ich etwas brauche, frage ich danach, ob ich es nicht über umsonstökonomischen Strukturen organisieren kann wie beispielsweise einen Umsonstladen. Damit schaffe ich keine finanzielle weitere Nachfrage für ein Angebot, welches sowieso schon in Hülle und Fülle da ist. Weniger Konsum bedeutet auch weniger Ausbeutung! Durch den geldfreien Aktivismus entstehen mehr utopietaugliche und damit geldfreie(re) Inseln, die andere Selbstverständlichkeiten frei von Markt und Staat als Mitmachräume entstehen lassen, um ein neues Miteinander ganz praktisch auszuprobieren.

Bisher habt Ihr unter anderem den geldfreien und veganen Mitmachkonkress utopival organisiert. Wird die UTOPIKON ähnlich sein, nur größer, oder gibt es grundlegende Unterschiede?

Bei der UTOPIKON legen wir uns auf ein konkretes Thema fest: Wege und Herausforderungen einer geldfreieren Gesellschaft. Das utopival hingegen ist viel breiter aufgestellt mit der zentalen Frage: Wie stellen wir uns eine zukunftsfähige Gesellschaft vor? Die UTOPIKON ist als eine drei-tägige Konferenz schon auch ein wenig kopflastiger, als das sechs-tägige utopival, bei dem in einem kleinen intensiven Raum mit 130 Menschen an einem Ort mit Übernachtung eine andere Atmosphäre und Gruppendynamik aufkommt. Gleichzeitig versuchen wir auch bei der UTOPIKON den living utopia Spirit bei der aufkommen zu lassen.

Für welche Menschen, glaubst Du, ist die Teilnahme an der UTOPIKON besonders interessant; wer sollte sich unbedingt amelden?

Menschen, die sich einen Raum wünschen, der Alternativen aufzeigt, Inspiration gibt und Austausch ermöglicht. Menschen, die an ein anderes gesellschaftliches Zusammenleben glauben und gemeinsam daran weiterspinnen möchten. Und auch Menschen, die noch nicht daran glauben, kritisch eingestellt sind und ihre neugierige Nase mal in was Neues stecken möchten mit Aussicht auf Mut-Tanken und Selbstwirkamkeit-Erfahren.

Was erwartet die Teilnehmenden konkret?

Freitag Abend ist zunächst ein erstes loses Zusammenkommen geplant, um dann am Samstag einen sehr intensiven Tag zu gestalten: Fünf inspirierende Keynotes von Friederike Habermann, Niko Paech, Silke Helfrich, Gerrit von Jorck und auch von Pia und mir, sowie 20 spannende Workshops wie beispielsweise von Michael Bohmeyer, Hanna Poddig oder auch Van Bo Le-Mentzel. Außerdem gibt es einen veganen Mitmachbrunch, einen Kleider- und Dingeschenkspot, sowie eine Wish-Bowl. Die Wish-Bowl ist an das Fish-Bowl-Konzept angelehnt und damit eine interaktive Diskussionsmethode.

Der Sonntag steht vor allem noch unter dem Zeichen des Reflektierens, Austauschens, Netzwerkens und gemeinsamen Träumens.

Ist das Event ganz durchstrukturiert, oder gibt es Raum für Prozesse mit ungewissem Ausgang?

Der Freitag Abend ist durchaus offen gestaltet, wenngleich uns dann am Samstag ein sehr straffes Programm inspirieren mag. Am Sonntag ist dann viel Raum für spannende Prozesse.

Wisst Ihr schon, wie es danach weitergeht? Sind Folgeprojekte geplant?

Die aktuelle Resonanz der UTOPIKON ist schon jetzt so großartig, dass wir uns gut vorstellen können, die UTOPIKON auch in den kommenden Jahren stattfinden zu lassen – vielleicht dann mit anderen thematischen Schwerpunkten.

Ansonsten ist das Netzwerk living utopia immer wieder mit neuen Ideen dabei Mitmachräume für den gesellschaftlichen Wandel zu gestalten. Auch der Mitmachkongress utopival möchte nächstes Jahr zum vierten Mal verwirklicht werden. Und in diesem Jahr gibt es noch unser alternatives Winterzusammenkommen – das alwizuko, welches an unterschiedlichen Orten stattfinden wird.

Wir als Netzwerk laden Menschen, die Mitmachräume nach den begleitenden Motiven vegan, ökologisch, solidarisch und geldfrei umsetzen möchten, herzlichst dazu ein, dies zu tun – wir begleiten sie bei Bedarf gerne mit unseren Erfahrungen. Außerdem gibt es die Möglichkeit mit dem eigenen Talent punktuell zu unterstützen.

Und es stehen in diesem Jahr vor allem noch viele, viele Bildungsaktivitäten in Form von Workshops, Vorträgen und Projekttagen an Unis, auf Konferenzen, Kongressen und Camps an.

In dem Sinne: NOT JUST TALKING ABOUT UTOPIA, BUT: living utopia.

Und los geht’s noch bis zum 05.09. zur UTOPIKON Anmeldung!

Autor

Tobi Rosswog ist als Aktivist, Mitweltpädagoge, Speaker, Campaigner und Netzwerker im Projekt- und Aktionsnetzwerk living utopia aktiv. Dort gestaltet er mit anderen Aktivist*innen Mitmachräume für den gesellschaftlichen Wandel nach den begleitenden Motiven geldfrei, vegan, ökologisch und solidarisch, um zum Perspektivwechsel anzuregen.

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