Von Anne Pinnow, Steffen Lange, Matthias Schmelzer und Nina Treu

Vom 30. August bis 3. September hat die 5. Internationale Degrowth-Konferenz für soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit in Budapest stattgefunden. Das Konzeptwerk Neue Ökonomie war mit mehreren Mitarbeiter_innen vor Ort. In diesem Artikel möchten wir einige unserer Eindrücke schildern und eine Einschätzung unsererseits wagen.

Die Konferenz war ein großer Erfolg. Die Organisator_innen aus verschiedenen osteuropäischen Ländern haben es geschafft, mit wenig Personal und beschränkten finanziellen Mitteln eine professionelle, (fast) reibungslos verlaufende Konferenz für über 600 Menschen auf die Beine zu stellen. Sie taten dies zum ersten Mal in Osteuropa, in einem post-sozialistischen Land beziehungsweise Land der Semi-Peripherie, wie sie selbst bevorzugt sagen. Die Stimmung war durchweg gut, die Diskussionen anregend und die Teilnehmer_innen interessiert und offen.

Im Unterschied zu den vorangegangenen Degrowth-Konferenzen hatte die Budapester Konferenz einen klaren wissenschaftlichen Fokus. Das Budapester Team hat sich früh für eine kleinere und akademische Konferenz ausgesprochen. Es fürchtete, von Massen an deutschen und italienischen Aktivist_innen – geworben durch die vorhergegangen großen Konferenzen – überrannt zu werden und dies nicht stemmen zu können. Sie befürworteten außerdem eine wissenschaftliche Ausrichtung, um mit weniger Teilnehmenden überhaupt wissenschaftlich debattieren zu können. Dieser wissenschaftliche Auftakt war für das Orgateam wichtig, damit das Thema in Südosteuropa überhaupt ernst genommen wird. Eine Bewegungskonferenz in einem Land mit sehr kleiner Zivilgesellschaft hätte ihrer Ansicht nach den Eindruck von bunten Hippies hervorgerufen und würde nicht als seriös wahrgenommen werden.

Trennung von Wissenschaft und Aktivismus/Praxis

Wissenschaftlich heißt nicht nur, dass überwiegend Menschen da waren, die an Universitäten oder Forschungsinstituten arbeiten, sondern auch, dass die Formate wissenschaftlich geprägt waren. Mitmachformate wurden in eine parallel stattfindende „Degrowth Week“, eine Art über die Stadt verteiltes Degrowth-Festival, ausgelagert. Diese Trennung von Wissenschaft und Aktivismus/Praxis kann unterschiedlich bewertet werden. Viele der Teilnehmenden (die zumeist ja eher wissenschaftlich arbeiten, auch wenn sie sehr politisch sind) empfanden die Konferenz als politisch und offen für Debatten. Denjenigen aber, die weniger akademisch arbeiten, haben die interaktiven, weniger frontalen Formate gefehlt. Logischerweise waren diese aufgrund der wissenschaftlichen Ausrichtung in der Minderheit. Viele langjährig in der Degrowth-Bewegung Aktive haben die Konferenz als Ganzes zwar ausdrücklich gelobt, aber den Punkt der Trennung von Wissenschaft und Aktivismus bemängelt. Unserer Ansicht nach braucht es für die Weiterverbreitung der Degrowth-Idee viele verschiedene Ansätze und Formate. Die Verzahnung unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche ist ein großes Anliegen innerhalb der Degrowth-Idee. Es wäre daher wünschenswert, dass zukünftige Konferenzen (wieder) verstärkt Menschen aus verschiedenen Bereichen einbinden und unterschiedliche Formate fördern.

Wie weiter?

Die Degrowth-Konferenzen sind die Leuchtturmprojekte der Degrowth-Bewegung. Sie sind der Ort, an dem alle zwei Jahre Degrowth-Bewegte aus vielen verschiedenen Ländern zu einem fruchtbaren und vielseitigen Austausch zusammenkommen. Diese Orte sollten wir erhalten. Da sich die Degrowth-Bewegung aber vergrößert, sollten wir auch über eine Differenzierung der Formate nachdenken. Seit mehreren Jahren veranstaltet Research & Degrowth (Barcelona) eine wissenschaftliche Sommerschule (mit Besuch von Praxisbeispielen), die zum vertieften Austausch einlädt. Unter Beteiligung des Konzeptwerks hat dieses Jahr zum zweiten Mal eine große, eher aktivistische Sommerschule zum Thema Degrowth im Rheinland stattgefunden. Im Vorfeld und parallel zur Degrowth-Konferenz in Budapest wurden im Rahmen des „Stream towards Degrowth“ und des „Call for decentralized eventseuropaweit dezentral Veranstaltungen angeboten. Zukünftig wäre auch möglich, mehrere Degrowth-Konferenzen gleichzeitig an verschiedenen Orten stattfinden zu lassen, um die Größe übersichtlich zu halten und Verkehr zu reduzieren.

Darüber hinaus sind neben den Veranstaltungen auch langfristige Austauschprozesse über Netzwerke und Institutionen notwendig. Im wissenschaftlichen Bereich gibt es bereits Ansätze für ähnliche Gruppen wie Research & Degrowth aus Barcelona in Griechenland und Italien. Auch über ein deutschsprachiges Forscher_innen-Netzwerk zu Degrowth wird gerade diskutiert. Solche institutionellen Verankerungen sollten wir zukünftig stärker vorantreiben.

Auch den aktivistischen Teil haben wir bereits erwähnt. Die positiven Erfahrungen aus der Zusammenarbeit zwischen Klima- und Degrowth-Bewegung über die letzten zwei Jahre im Rheinland ist ein gelungenes Beispiel, das nach Nachahmer_innen ruft!

Degrowth in der Praxis

Eine dritte Ebene sind Projekte, an denen Degrowth praktisch gelebt wird, so zum Beispiel einen Ort des guten Lebens oder die Akademie für angewandte Suffizienz. Es gibt viele solcher Orte, die praktisch das tun, was „wir“ als Degrowth-Ansätze begreifen. Ein Austausch mit diesen Projekten und Netzwerken von Projekten (z.B. Netzwerk Solidarische Landwirtschaft) wäre hilfreich, um die Möglichkeiten zukünftiger Kooperationen auszuloten.

Natürlich gibt es bestimmt noch weitere aussichtsreiche Ebenen, an die wir gerade nicht denken.

Schlussendlich kann die Breitenwirkung der Konferenz (noch) gar nicht beurteilt werden – denn was sie bei Menschen angestoßen hat, bleibt abzusehen. Wir hoffen, dass in den nächsten Jahren zahlreiche Orte und Initiativen entstehen, welche die Degrowth-Idee umsetzen, weitertragen und fortentwickeln. Und dass sich diese immer wieder bei Degrowth-Konferenzen oder anderen großen Veranstaltungen zum Austausch und gegenseitigen Anregen treffen.

Um Informationen nicht zu doppeln, belassen wir es hiermit und empfehlen folgende Artikel für weitere Einschätzungen:

Comments ( 1 )

  • Norbert says:

    Ich kann natürlich nichts zu der konkreten Stimmung in Budapest sagen, da ich nicht da war.

    Ich will auf eine mögliche Haltung zur Wissenschaft verweisen: Wie wäre es, wenn wir uns alle als Forscher verstehen? Immerhin wissen selbst die Degrowth-Vordenker nur begrenzt, wie ein Postwachstumssystem wirklich aussieht, wie es funktioniert, welche Eigenheiten es zeigt, wie man dahin kommt. Jeder, der sich in – im weitesten Sinne – Postwachstumskontext umtreibt, ist Teil eines Reallabors, in dem wir ausprobieren, was geht und vordenken, wohin man damit kommt. Wissenschaft wäre dann nichts separates, sondern Teil des Prozesses.

    Interessanterweise wird zunehmend mit dem Begriff der Citizen Science gespielt: Bürgerwissen & Bürgerwissenschaft. Im Transition-Kontext war schon frühzeitig die Frage aufgerufen, wie sich eigentlich altes Wissen bewahren läßt: z.B. über Technologien (Spinnrad) und ihre Anwendung. Mit dem Ansatz der “Citizen Science” wird die Frage nach Wissen an der Schnittstelle zwischen Profiwissenschaft und forschendem Alltagsleben mit einem Begriff festgemacht. Und öffnet damit Wege zur Zusammenarbeit. (Lesetip: Peter Finke: Citizen Science)

    Das sagt noch nichts über die Formate für Konferenzen aus. Aber um Vielfalt für verschiedene Zielgruppen und Interessen anzubieten wäre es vielleicht sinnvoll, die Veranstaltungsformate selbst zum Ziel der (Er-)Forschung zu machen.

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