Von Christiane Kliemann

Wer schon einmal vom guten und hierarchiefreien Leben für alle entsprechend individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten in gegenseitiger Wertschätzung und Kooperation geträumt hat, kann jetzt dazu beitragen, dass dieser Traum konkret wird: Vom 21. bis 25. Juni treffen sich im Kulturkosmus Müritz in Lärz, Mecklenburg-Vorpommern, rund 1000 Menschen, um „Miteinander offen vertrauensvoll und emanzipatorisch“ (kurz: MOVE UTOPIA) die Zukunft zu gestalten.

Neu und besonders an diesem Event ist, dass es viele Impulse bestehender Bewegungen, Ideen und Initiativen aufgreift, sie zusammenbringt und versucht, noch einen Schritt weiter in Richtung Utopie zu gehen. Also die Grenzen dessen, was überhaupt noch denk- und machbar ist, so weit wie irgend möglich verschiebt.

Warum gerade jetzt?

Aber ist das nicht naiv? Warum sollte gerade jetzt gelingen, woran sich schon viele vor uns die Zähne ausgebissen haben? Weil momentan „alles möglich“ ist, wie der US-amerikanische Autor und Aktivist Charles Eisenstein in seiner brillianten Analyse zur Trump-Wahl schreibt, die sich genauso gut auf das Erstarken des rechten Populismus hier in Europa übertragen ließe:

„Die alte Ordnung ist jetzt offiziell in Auflösung begriffen, was immer stärker spürbar wird. Das stellt uns zugleich vor gigantische Möglichkeiten und ungeheure Gefahren, denn wenn die Normalität auseinander bricht, saugt das darauf folgende Vakuum vorher undenkbare Ideen aus den Rändern an. (…) Alles wird möglich, wenn die vorherrschenden Institutionen zusammenbrechen. Wenn Hass oder Angst die Kräfte sind, die diese neuen Ideen zum Leben erwecken, können alle möglichen faschistischen oder totalitären Alpträume wahr werden (…). Daher ist es so wichtig, dass wir am Übergang in eine Phase der immer größer werdenden Unordnung eine andere Kraft ins Spiel bringen.“

Wir selber müssen diejenigen, sein die diese „andere Kraft“ ins Spiel bringen!

Für mich ergeben sich aus dieser sehr zutreffenden Beschreibung der gegenwärtigen Weltlage vor allem zwei Konsequenzen:

1) Passives Zuschauen und Hoffen, dass alles irgendwie wieder wird, geht nicht mehr, dazu sind die möglichen Bedrohungsszenarien zu groß und zu realistisch. Wenn wir – und damit meine ich alle, die sich an Werten wie Solidarität, universellen Menschenrechten und ökologischer Nachhaltigkeit orientieren – diese „andere Kraft“ in die Welt bringen wollen, müssen wir aktiv etwas dafür tun und möglichst viele Menschen, Gruppen und Initiativen zum Mitmachen motivieren.

2) Utopisch“ ist das neue „Realistisch“. Die bisher üblichen Vorstellungen von „realistisch“ und „utopisch“ sind gerade dabei, zu zerbröckeln und sich sogar in ihr Gegenteil zu verkehren. Vieles, was sich bisher als die scheinbar einzig mögliche Realität ewig in die Zukunft zu erstrecken schien, zerfällt wahrnehmbar und lässt den Begriff „realistisch“ in einem völlig anderen Lichte erscheinen. In Abwesenheit der alten Realität rückt nun jegliche Utopie oder leider auch Dystopie, die sich überhaupt nur denken lässt, in den Bereich des Möglichen. Daher liegt es an uns allen, die wir heute auf dieser Erde leben, zu entscheiden, welche der möglichen Utopien wir in die Welt bringen und zu unserer konkreten Realität machen wollen. Das einzige, was in diesen Zeiten noch unrealistisch erscheint, ist das Aufrechterhalten der alten Realität.

Welche Geschichte wollen wir erzählen?

In solchen Zeiten des Wandels laufen mehrere Geschichten gleichzeitig ab und wir können uns entscheiden, welche davon wir erzählen oder welcher wir uns anschließen möchten. Geschichte meint hier nicht eine erfundene Erzählung, sondern die Art und Weise, wie wir Ereignisse, die wir erleben und beobachten, in einen größeren Sinnzusammenhang stellen. Um noch einmal mit Charles Eisenstein zu sprechen:

„Wir betreten einen Raum zwischen den Geschichten. Erst kommen und gehen verschiedene rückwärtsgewandte Versionen einer neuen Geschichte, dann treten wir in eine Phase ein, in der wir wirklich nicht wissen, was zu tun ist, und dann wird sich eine authentische nächste Geschichte abzeichnen. Was bräuchte es, damit sich durch sie Liebe, Mitgefühl und Interbeing (d.h. Eingebundensein in Beziehungen) manifestiert? Ich sehe ihre Umrisse in jenen marginalen Strukturen und Praktiken, die wir holistisch, alternativ, regenerativ und restorativ nennen. Sie alle gründen auf Empathie, das Ergebnis der mitfühlenden Frage: „Wie fühlt es sich an, Du zu sein?““

Was können wir selber konkret tun, damit sich aus unserem Nichtwissen eine Geschichte entwickelt, die wir aus vollem Herzen und mit Freude erzählen können? MOVE UTOPIAs Antwort auf diese Frage ist unter anderem diese (leicht gekürzt):

„Wir möchten Formen des Zusammenlebens entwickeln, die für alle Menschen ein gutes Leben ermöglichen. Im Bewusstsein, dass wir von dieser Erde und immer auch voneinander abhängig sind: Wir sind der tiefen Überzeugung, dass wir miteinander gemäß unserer Bedürfnisse und Fähigkeiten leben können und  fangen an, die Welt neu zu erschaffen: Wir feiern das Experiment der gelebten Utopie, um uns jenseits von Nationen den globalen Problemen dieser Zeit zu stellen.

Die Utopie, sie steht am Horizont.
Ich bewege mich zwei Schritte auf sie zu
und sie entfernt sich um zwei Schritte.
Ich mache weitere 10 Schritte
und sie entfernt sich um 10 Schritte.
Wofür ist sie also da, die Utopie?
Dafür ist sie da:
um zu gehen!“

Dieses vielzitierte Gedicht von Eduardo Galeano, ruft uns ins Bewusstsein, dass es selbst über unsere kühnsten Träume hinaus noch weitere Horizonte geben kann, die wir mit unseren jetzigen „mentalen Infrastrukturen“ (Harald Welzer) noch gar nicht erfassen, geschweige denn leben können. Gehen wir los! Und wer kann schon wissen, wohin es von dort aus weiter geht?

Mehr unter http://move-utopia.de/

 

Autor

Christiane Kliemann schreibt Artikel, hält Vorträge und gibt Workshops zu den Themen Degrowth, gesellschaftlicher Wandel und Tiefenökologie.

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