Von Kai Kuhnhenn

Wir alle benutzen täglich Modelle, um unsere Umwelt zu erklären. Ein Beispiel: Ich gehe davon aus – und bin mir dabei ziemlich sicher –, dass ein Baum wächst, wenn er genug Wasser, Nährstoffe und Sonne bekommt. Ich habe dabei ein simples Modell eines Baumes im Kopf, ohne genau zu verstehen, was in dessen Wurzelwerk, Stamm, Blättern und Zellen so alles passiert.

Unser Modelldenken nutzen wir nicht nur, um die Welt zu erklären, sondern auch, um Probleme zu lösen. Nehmen wir an, der Baum steht in meinem Vorgarten. Ich weiß: Wenn er wächst, wirft er mehr und mehr Schatten und es wird dunkler im Haus. Wenn ich das verhindern will, stellt sich die Frage: Was sagt mir mein Modell darüber aus, welche Faktoren ich in der Realität verändern muss und kann?

Technischer Optimismus vs. gesellschaftliche Alternativlosigkeit

Das gleiche Vorgehen nutzen Wissenschaftler*innen, wenn sie darüber nachdenken, wie der Treibhausgasausstoß reduziert werden kann. Nachdem sie ein ungleich komplexeres Modell davon aufgestellt haben, wie unser Wirtschaften Treibhausgasemissionen generiert, müssen auch sie sich fragen: Welche Faktoren können und wollen wir verändern, damit der Treibhausgasausstoß gesenkt wird, welche nicht? Dabei sind die derzeitigen Szenarien von großem technischen Optimismus und Ideenreichtum geprägt: Die Umwandlung von überflüssigem Strom in Kraftstoffe wird ebenso propagiert wie elektrische Lastwagen, die über Oberleitungen auf Autobahnen Strom beziehen, die Abscheidung von CO2 aus Abgasen und anschließende Speicherung in Erdschichten bis hin zur großflächigen Düngung des Ozeans, damit zusätzliches Algenwachstum CO2 bindet. Diesem Ideenreichtum auf der technischen Seite steht auf sozialwissenschaftlicher Seite die Einschätzung gegenüber, dass es keine Alternativen gibt – weder zu unserem Wohlstandsmodell, unseren Konsummustern, oder gar unseren Produktionsstrukturen, bei denen streng-hierarchische Unternehmen diktieren, was wie produziert wird. Das Resultat dieser Alternativlosgikeit ist schließlich die Annahme in sämtlichen Klimaschutzszenarien, dass die Wirtschaft sowohl im globalen Süden als auch im Norden permanent weiter wachsen wird, bis ins Jahr 2050 und darüber hinaus. In den Modellen schlägt sich das sowohl in positiven Wachstumsraten für die Gesamtwirtschaft als auch für einzelne Sektoren nieder, die jeder Klimaschutzpolitik entgegenwirken.

Degrowth als Dystopie

Es stellt sich die Frage: Woher kommt diese Blindheit auf dem einen und besondere Sehschärfe auf dem anderen Auge? Dafür gibt es sicher eine Vielzahl von Gründen – z.B. die Argumentation, dass wir Wachstum brauchen, um Klimaschutz zu finanzieren oder die Unfähigkeit einiger Modelle, eine wirtschaftliche Schrumpfung als geplante Option darzustellen. Dabei am zentralsten ist jedoch meines Erachtens, dass ein Ende des Wachstums nicht als umsetzbare politische Option, sondern – mit Verweis auf Wirtschaftskrisen in anderen Ländern – als Dystopie betrachtet wird. Die Gleichung „mehr Wachstum = mehr Wohlstand“ ist immer noch tief im ökonomischen Denken verankert, und wenn die Verbindung nicht direkt über das wachsende Einkommen und materiellen Wohlstand gedacht wird, dann über die Achse Wachstum–Steuereinnahmen-Finanzierung des Sozialstaats-sozialer Frieden. Dass die gegenwärtigen Strukturen (Steuersystem, soziale Absicherung, Arbeitsmarkt) verändert – d.h. wachstumsunabhängig gemacht – werden könnten, ist im Mainstream ebensowenig angekommen wie die Einschätzung, dass eine an Wachstum ausgerichtete Wirtschaft eine kleine Gruppe Reicher, aber eine immer größere Zahl Verlierer, Ausgebeuteter, Ausgegrenzter und Ausgebrannter produziert.

Das Versagen technischer Lösungen

Aber vielleicht ist das Ganze für das Klima kein Problem? Vielleicht reichen die technischen Lösungen für den Klimaschutz und liefern auch sonst gute Ergebnisse? Leider nein: Deutschland ist trotz Energie(technik)wende immer noch mit Abstand das Land mit den absolut gesehen höchsten Emissionen in der EU. Und auch bei den pro-Kopf-Emissionen rangiert Deutschland mit Rang 6 weit oberhalb des europäischen Mittelwerts. Und sogar die selbstgesteckten relativen Ziele, wie die Verringerung der Emissionen um 40% ggü. 1990 bis 2020, geraten immer mehr außer Reichweite. Wenn Klimaschutzszenarien trotz dieser Bilanz zu dem Ergebnis kommen, dass ein ambitionierter Klimaschutzpfad und weiteres Wirtschaftswachstums miteinander vereinbar sind, besteht vielleicht einfach eine Diskrepanz zwischen dem, was (modell-)technisch und dem, was in einer Wachstumsgesellschaft möglich ist. Im Klartext: Eine ambitionierte Klimapolitik scheitert in der Realität an Lobbymacht (z.B. Automobilkonzerne vs. CO2-Standards, Energiekonzerne vs. Kohleausstieg), der sich eine Politik unterwirft, die keine Alternativen zum stetigen Wachstum als Lösung sozialer Probleme kennt.

Abkehr vom Wachstum als Voraussetzung für ambitionierte Klimapolitik

An dieser Stelle bemerkt der*die kritische Leser*in wahrscheinlich, dass ein niedrigeres Wirtschaftswachstum oder ein Schrumpfen der Wirtschaft auch gegen die genannten Interessen durchgesetzt werden muss. Das stimmt, und ich will auch nicht behaupten, dass es leicht ist. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es a) ökologisch nachhaltiger ist, weniger zu produzieren als durch immer mehr Technik die Folgen der Produktion zu verringern und dass es b) bestimmt einfacher wird, über eine wirtschaftliche Schrumpfung nachzudenken, wenn es Klimaschutzszenarien gibt, die die ökologischen Vorteile eines solchen Pfads aufzeigen. Und schließlich, hier schließt sich der Kreis, c) ist meiner Einschätzung nach die Abkehr vom Wachstum als Politikziel auch eine Voraussetzung dafür, dass die in den bisherigen Klimaschutzszenarien vorgeschlagene ambitionierte Effizienz- und Erneuerbaren-Energien-Politik durchgesetzt werden kann.

Mein Aufruf richtet sich daher an Energie- und Klimawissenschaftler*innen, die Frage, wie wir das Klima effektiv schützen können nicht auf den Einsatz der richtigen Technik zu beschränken, sondern Klimaschutz mit anderen ökologischen und sozialen Fragen zusammen zu denken. Am Anfang eines solchen Weges stehen dann nicht das Abwägen zwischen Techniken und das Vorhersagen des Ölpreises, sondern die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Vielleicht kommen wir dann zu dem Ergebnis, dass es sinnvoller sein kann, den Baum im Vorgarten etwas zu stutzen als Oberlichter im Haus anzubringen.

Dieser Blog-Beitrag fasst in Kürze die Inhalte des Artikels „Wachstumsrücknahme in Klimaschutzszenarien“ zusammen.

Autor_in

Kai Kuhnhenn ist seit 2013 beim Konzeptwerk Neue Ökonomie tätig. Davor arbeitete er 8 Jahre beim Umweltbundesamt zu Klima- und Energieszenarien.

Comments ( 3 )

  • Kai Kuhnhenn says:

    Lieber Werner Müller,
    vielen Dank für die Kommentare. Ich stimme Ihnen im Wesentlichen zu, würde aber an zwei Stellen Anmerkungen machen wollen.
    1. Zu Ihrer Einschätzung, dass wir es mit einem „globalen ökonomisch-politisch-kulturellen Problemkomplex, mit psycho-sozialem Hintergrund zu tun“ haben (übrigens eine sehr schöne Formulierung) der Hinweis, dass es auch einigermaßen komplex und schwierig ist, dass derzeitige Wachstumssystem immer weiter am Laufen zu halten. Ich denke an vielen Stellen kommen wir da jetzt schon an Grenzen, was Menschen bereit sind auf sich zu nehmen für ihre persönliche/betriebliche/nationale Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig gibt es schon viele Versuche, anders zu wirtschaften und zu leben – Commons-basierte Ansätze, Transition Town, Ökodörfer, Umsonstläden, Premium Cola, Mietshaussyndikat… Aber ja, es ist eine große Aufgabe.

    2. Zu Ihrer Kritik an den von mir gewählten Suffizienzmaßnahmen – mir ging es vor allem darum zu zeigen, dass es nicht außerhalb der Möglichkeiten des Staates liegt, Konsum und Produktion zu verringern. Dafür habe ich auf Beispiele und Politikinstrumente zurückgegriffen, die schon untersucht worden sind, nicht die, die mir am meisten am Herzen liegen. Ich bin auch der Meinung, dass solche Reformen nur der Anfang sein können, bestenfalls aber immerhin das. Zu dem von Ihnen genannten Zusammenhang zwischen Preis und Attraktivität – für mich würde zu ökonomischen Politikinstrumenten immer gleichzeitig eine Umverteilungspolitik gehören, die verhindert, dass die Internalisierung von Umweltkosten zu noch mehr Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen führt.

  • Werner Müller says:

    Addendum: Habe gerade Ihren vollständigen Text gelesen und finde, dass die Schlussfolgerungen im Fazit und die Beispiele für Suffizienzmaßnahmen unter genau der Schwäche vieler Lösungsansätze leiden: Problemfelder, etwa der Fleichkonsum oder private Flugreisen (warum eigentlich nur private?) werden einzeln betrachtet und letztlich durch höhere Steuern, also Verteuerung angegangen. Das mag für den Moment helfen, verstärkt aber nur den Effekt, dass der Konsum dieser Produkte exklusiver und begehrenswerter wird. Wer es sich dann leisten können will, muss eben etwas mehr(!) leisten (oder geerbt haben)…

  • Werner Müller says:

    Ja, nachdem ich seit bald 20 Jahren in unterschiedlichsten Bereichen in Sachen energieeffiziente Gebäude unterwegs bin und verschiedenste Technikversprechen erlebt habe, kann ich Herrn Kuhnhenn nur zustimmen. Das Ganze läuft dann auf einen extremen Kulturwandel hinaus, der nicht nur die Grundfeste unseres Wirtschaftssystems in Frage stellt, sondern auch – und das scheint mir noch viel bedeutsamer – wesentliche Grundlagen unserer Kultur und unseres Verhaltens.
    Und ganz offen: ich habe keine Ahnung, wie man eine solche „Große Transformation“ (warum nur erinnert mich dieser Begriff immer an chinesische KP-Slogans?) angehen könnte. Was wir uns üblicherweise sonst so unter Komplexität vorstellen, scheint mir vor diesem Hintergrund jedenfalls fast schon trivial.
    Hier haben wir es so ungefähr mit einem globalen ökonomisch-politisch-kulturellen Problemkomplex, mit psycho-sozialem Hintergrund zu tun.

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