Was ist schwieriger? In kürzester Zeit 46.000 Euro auftreiben oder endlich eine breite Diskussion über die Zukunft des Rheinischen Braunkohlereviers anzetteln? Für den Organisationskreis der Degrowth-Sommerschule waren beide große Herausforderungen… Christopher Laumanns berichtet.

With a little help from our friends… wie wir einen Finanztagebau stopften…

Zehn Tage vor Beginn der Sommerschule, die im dritten Jahr auf dem Klimacamp im Rheinland zu Gast war, erreichte uns im Konzeptwerk die Hiobsbotschaft: Die Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW kündigte fristlos ihre Förderung. 46.000 Euro, fast die Hälfte des Budgets, waren von einem auf den anderen Tag weg. Die Begründung: Die Sommerschule finde zu nah an den Aktionen des zivilen Ungehorsams statt, die vom Klimacamp ausgingen. Tatsächlich waren solche Aktionen angekündigt, allerdings erst für die Zeit nach dem Ende der Sommerschule.
Statt uns bremsen zu lassen, entschieden wir mit dem Organisationskreis der Sommerschule, das Thema publik zu machen und eine Spendenkampagne auf dem Boden zu stampfen – zusätzlich zu der Arbeit, die mit der Durchführung der Veranstaltung vor uns allen lag.

Noch während des Camp-Aufbaus drehten wir ein Video, veröffentlichten ein Interview zu den Hintergründen und machten über Newsletter, E-Mails und Social-Media-Kanäle auf die Lage der Sommerschule aufmerksam. Die anschließende Welle der Solidarität überwältigte uns.
In den letzten drei Wochen haben uns Einzelpersonen etwa 25.000 Euro zur Rettung der Sommerschule gespendet. Hinzu kamen mehrere Stiftungen (Rosa Luxemburg-Stiftung, Stiftung Trias, Selbach Umweltstiftung und andere), die mit größeren Beträgen einsprangen. Zu dieser schnellen finanziellen Hilfe kamen unzählige Schreiben hinzu, die uns Mut machten und Unterstützung anboten. Für uns war das ein Zeichen, dass wir politisch auf einem guten Weg sind – mit tollen Mitstreiter*innen. Danke an alle, die die Sommerschule gerettet haben!

Übrigens: Rechtlich gesehen lag die Verantwortung für den plötzlichen Schuldenberg beim Konzeptwerk. Doch der größtenteils ehrenamtliche, basisdemokratische Organisationskreis der Sommerschule versicherte, dass er das Geld auftreiben werde. Für uns ist das ein weiterer Beweis dafür, wie gut es ist, mit Basisdemokratie zu experimentieren und sie fortzuentwickeln!

… und die Debatte über die Zukunft des Rheinischen Braunkohle-Reviers anfeuerten

Podiumsdiskussion in der Stadthalle Erkelenz. V.l.n.r.: Thorsten Moll (Anwohner aus dem Grubenrand-Dorf Holzweiler); Janna Aljets (BUNDjugend und Ende Gelände); Karin Walther (Moderatorin); Manfred Maresch (Bergbaugewerkschaft IG BCE); Dr. Stefan Gärtner (Institut für Arbeit und Technik, Westfälische Hochschule).

Wie schon im letzten Jahr war einer der inhaltlichen Schwerpunkte der Sommerschule die Frage nach der Zukunft des Rheinischen Braunkohlereviers. Denn hier müssen Degrowth-Konzepte auf den Prüfstand: Wie viel Strom braucht die Gesellschaft? Wie soll er produziert werden? Wie lassen sich dreckige Industrien sozial gerecht abwickeln? Welche Strategien sind legitim, um für ein gerechtes Leben für alle zu streiten? Die Hauptveranstaltung hierzu war die Podiumsdiskussion „Was kommt nach der Braunkohle? Und wie wird der Weg dorthin gerecht?“ in der Stadthalle Erkelenz. Erstmals sprachen auf dem Podium öffentlich RWE-Beschäftigte, Klima-Aktive und Menschen aus der Region gemeinsam über die Gestaltung des Kohleausstiegs. „Es sind über 300 Menschen gekommen, das zeigt, wie wichtig solche Formate sind“, sagte Ruth Krohn aus dem Organisationskreis der Sommerschule. „Da RWE sich nicht um die Folgen der Braunkohle in der Region kümmert, müssen wir uns gemeinsam organisieren. Das bietet auch die Möglichkeit, das Zusammenleben in der Region zukünftig grundlegend anders zu gestalten, nämlich sozial, ökologisch und demokratisch, mit einer dezentralen Energieversorgung und kooperativen Betrieben.“ Auch Strukturwandelforscher Stefan Gärtner vom Institut für Arbeit und Technik an der Westfälischen Hochschule betonte: „Die Veranstaltung heute ist ein Modell für die Zukunft.“ Die Beschäftigten sollten nicht nur auf die Entscheidungen der Konzernspitze von RWE reagieren, sondern sichere Perspektiven aktiv einfordern und dafür mit den Anwohner*innen und der Klimabewegung zusammenarbeiten. Unter den 300 Besucher*innen waren viele Menschen aus der Region sowie Beschäftigte von RWE. Die Anwesenden diskutierten auch untereinander sehr angeregt. Auch in den Medien wurde die Podiumsdiskussion gut wahrgenommen, so war z.B. der WDR mit einem Kamera-Team vor Ort. Wie stark die Sommerschule damit zu einer breiten Diskussion über den nötigen Strukturwandel beigetragen hat (und was dieser mit Imperialen Lebensweisen, kapitalistischem Wachstum und dem Ausprobieren von Alternativen zu tun hat) lässt sich beispielhaft an den folgenden Beiträgen ablesen:

Rheinische Post: Bescheidener leben lernen und Kommentar: Proteste gegen Braunkohle – Naive Aktivisten
Aachener Zeitung: Zu lange weggeschaut
Deutsche Welle: Kampieren fürs Klima – und gegen Kohlestrom
WDR 5: Brauchen wir noch Braunkohle?

Radtour zu den Geschichten des Widerstands im Rheinischen Revier, zu Gast bei Gisela Irving. Foto: Adam Ronan (CC BY-SA)

Neben der Podiumsdiskussion gab es zum Auftakt der Sommerschule eine Radtour zu den „Geschichten des Widerstands“ im Rheinischen Revier. Dabei wurden besonders auch ältere Anwohner*innen besucht, die auf eine lange Geschichte des Kampfes gegen Umsiedlungen, Abbaggerung und Kohleverstromung zurückblicken. Die 81-jährige Holzweiler Bürgerin Gisela Irving zog nach 40 Jahren Widerstand die Bilanz, dass es eine gut vernetzte, radikale Bewegung brauche. Auch die Camp-Führungen, die das Klimacamp anbot, wurden von Anwohner*innen rege genutzt, so dass die Suche nach Alternativen in diesem Jahr in viel engerem Austausch mit der lokalen Bevölkerung stattfand. Damit ist ein guter Grundstein für die zukünftige Zusammenarbeit gelegt. Ein besonderer Höhepunkt war die Teilnahme von Bergbau-Gewerkschafter Manfred Maresch an einem Kurs der Sommerschule zum Strukturwandel. Die Teilnehmenden und Kursleiter*innen zeigten sich am Ende des Kurses begeistert und auch Maresch meinte: „Ich finde es sehr wohltuend, in welch respektvoller Atmosphäre die Gespräche hier stattfinden – und das obwohl man hier unterschiedlicher Meinung ist. Das macht mir Spaß.“

Psychologie und praktische Fähigkeiten für den Systemwandel

Weitere Schwerpunkte des Programms der Sommerschule waren die „Psychologie des Wandels“ sowie die Fortführung des Themas „Skills for System Change“ aus dem vergangenen Jahr. Wie groß das Interesse in der Degrowth-Bewegung ist, nicht nur die politischen Rahmenbedingungen zu verändern, sondern auch die mentalen Infrastrukturen des Wachstums und der Konkurrenz zu untersuchen, lässt sich unter anderem daran ablesen, dass die psychologischen Kurse der Sommerschule größtenteils gleich nach Anmeldungsbeginn ausgebucht waren. Hier sei auch der Initiative Psychologie im Umweltschutz gedankt, die maßgeblich das Programm mitgestaltete. Ihre neu erworbenen Fähigkeiten für Systemwandel zeigten auch die Teilnehmenden des Radio-Kurses, die in den ersten Tagen eigene Radiosender zusammengebaut hatten, um dann gegen Ende des Kurses die allerersten Camp-Nachrichten zu senden. Die Sendung wurde über Lautsprecher zum Abendessen ausgestrahlt, so dass die Gruppe gleich einen tausendfachen Applaus im Sonnenuntergang erntete.

 

Weitere Informationen

Die Sommerschule bekam viel mediale Aufmerksamkeit – und trug so u.A. zu einer verstärkten Debatte über den Strukturwandel des Rheinlands bei. Foto: Tim Lüdde (CC BY-NC)

Mehr Fotos gibt es auf dem > flickr-Konto des Klimacamps
Der beste Pressespiegel findet sich auf der > Homepage des Aktionsbündnisses Ende Gelände
Titelbild: Tim Wagner. Nicht gekennzeichnete Bilder: Klimacamp im Rheinland. Alle Bilder CC BY-SA 2.0

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