Von Kai Kuhnhenn & Nina Treu

Degrowth bedeutet eine Abkehr von einem wachstums- und profitorientierten Wirtschaftssystem. Mittels einer sozial-ökologischen Transformation soll ein gutes Leben für alle möglich werden. Das bedeutet: die imperiale Lebensweise des globalen Nordens überwinden, Alternativen aufbauen und positive Erzählungen unserer möglichen Zukunft schaffen. Dazu gehört auch, Widerstand gegen unnütze Großprojekte, Privatisierungen und zerstörerische Unternehmen zu leisten – kurzgesagt gegen den Teil der Wirtschaft, der schrumpfen soll, weil seine negativen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft in keinem Verhältnis zu seinem Nutzen stehen. 

Die Braunkohleindustrie ist ein Paradebeispiel für diesen Teil der Wirtschaft: 

– die Braunkohleverstromung liefert etwa ein Viertel des in Deutschlands genutzen Stroms, produziert aber die Hälfte der Treibhausgasemissionen der Stromversorgung,
– für den Abbau der Braunkohle werden Landschaften und Dörfer unwiderbringlich zerstört, Menschen zwangsenteignet und umgesiedelt,
– ohne den Strom der Braunkohlekraftwerke gehen nicht die Lichter aus, sondern der deutsche Stromexport geht zurück und Strom anderer Kraftwerke, die aufgrund des hohen Emissionsfaktors der Braunkohle alle vorzuziehen sind, wird anteilig höher.
Dabei gibt es nicht die eine große widerständige Aktion gegen Wirtschaftswachstum, sondern viele Kämpfe, die von vielen verschiedenen Menschen, Gruppen und sozialen Bewegungen gefochten werden. In diese können sich Menschen aus der Degrowth-Bewegung einbringen.

Der Kampf um den Hambacher Forst ist dabei aus drei Gründen besonders unterstützenswert:

1. Im Gegensatz zu vielen anderen Kämpfen ist der Kampf gegen die Braunkohle tatsächlich in absehbarer Zeit zu gewinnen – nicht zuletzt der zivilgesellschaftliche Widerstand hat dazu geführt, dass die Regierung mit der Kohlekommission ein Gremium eingerichtet hat, das über die Zukunft der Braunkohlegebiete beraten soll. Gleichzeitig zeigt das Vorgehen von RWE, dass das Unternehmen keineswegs vorhat, „ihre“ Braunkohle im Boden zu belassen. Auch die Besetzung der Kohlekommission legt den Schluss nahe, dass ein baldiges Ende der Braunkohle keinesfalls sicher ist. Der Kampf um den Hambacher Forst wird vor diesem Hintergrund zu einem der wichtigsten umweltpolitischen Kampffelder dieser Tage.
2. Es geht dabei nicht nur um den Erhalt eines besonders wertvollen Stücks Wald! Sondern um die Frage, was wir gewillt sind zuzulassen für ein bißchen billigen Strom und Wirtschaftswachstum und wer darüber entscheidet. Sind es Unternehmen, die, basierend auf einem Bergrecht aus der Nazizeit ihr Interesse durchsetzen können, ist es der Staat, der Grundrechte außer Kraft setzt in dem er den Forst zum „Gefahrengebiet“ macht oder ist es die Zivilgesellschaft, die dort Widerstand leistet, wo Unrecht zu Recht wird? 
3. Ein Zuammenschluss mit der Klimagerechtigkeitsbewegung ist für Degrowth besonders naheliegend, denn beide Bewegungen bringen ökologische und soziale Ziele zusammen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Das dies gut funktioniert, zeigt die mehrjährige Zusammenarbeit zwischen Klimacamps und Degrowth-Sommerschulen. Hier wird die Forderung nach einem Ende des Braunkohleabbaus verbunden mit der Forderung eines langfristigen Strukturwandels, damit nicht die Arbeiter*innen und ihre Region zu Leidtrangenden des Wandels werden.
Mit dem Erhalt des Hambacher Forsts ist natürlich weder der Kampf gegen Wirtschaftswachstum noch gegen den Abbau der Braunkohle gewonnen. Während das Augenmerk auf dem Hambacher Forst liegt wird beispielsweise das Dorf Keyenberg umgesiedelt (Petition dagegen hier) und das Dorf Pödelwitz vom Abbau bedroht (Petition dagegen hier). Es wäre aber ein wichtiger Etappensieg und ein Symbol gegen Braunkohle und Klimawandel, Aushöhlung von Demokratie und Bürgerrechten und Wachstum als alleinigem Politikziel. 
Daher: unterstützt den Widerstand im Hambacher Forst! Informiert euch hier wie. Fahrt in den Forst, geht zu Aktionen in eurer Stadt, teilt die Infos mit anderen. 

Hambi bleibt!

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Kai Kuhnhenn & Nina Treu