Eine Geschichte von Degrowth

Die Geburt des Wortes „décroissance” (französisch für Degrowth oder Postwachstum) und damit der Ursprung einer Idee kann in das Jahr 1972 zurückdatiert werden. Der Sozialphilosoph André Gorz fragte bereits damals, ob das „Gleichgewicht der Erde, für welches ein Nullwachstum – oder sogar eine Wachtsumsrücknahme – der materiellen Produktion eine notwendige Voraussetzung ist, mit dem Überleben des kapitalistischen Systems vereinbar sei”. Wir beantworten diese Frage heute mit „Nein”, aber das ist eine andere Geschichte. Im gleichen Jahr wurden “Die Grenzen das Wachstums” vom Club of Rome veröffentlicht. Sie entfachten eine breite Diskussion, in der in Frankreich auch der Begriff „décroissance” immer wieder auftauchte. Weitere Intellektuelle dieser Zeit beeinflussten diese frühe Degrowth-Diskussion. Darunter Nicholas Georgescu-Roegen, Jacques Grinevald und Ivo Rens. Mit dem Ende der Ölkrise und dem sich ausbreitenden Neoliberalismus traten die Diskussionen allerdings in den 1980er und 1990er Jahren in den Hintergrund. In den 1970er Jahren bekam die Wachstumskritik also einen Namen. Die Kritik an sich und das Nachdenken über Alternativen bestand hingegen schon lange vorher. So haben zum Beispiel die ersten Ökonomen die von Wirtschaftswachstum sprachen, dies nie als ein auf immer gültiges Rezept, sondern als einen vorübergehenden Zustand betrachtet.

30 Jahre nach der ersten Erwähnung von „décroissance” begannen in Lyon das, was wir heute die Degrowth-Bewegung nennen. Das Magazin „Silence” veröffentlichte 2002 ein Sonderheft zum Thema „décroissance”, welches auf großes Interesse stieß. Es wurde zweimal nachgedruckt und insgesamt 5.000 Mal verkauft. In den durch diese Veröffentlichung geschlagenen Wellen fanden Lyoner Umweltschützer_innen und Pariser Entwicklungskritiker_innen in der Wachstumskritik zusammen. Immer mehr Stimmen sprachen von „décroissance”. Zudem wurde in Lyon das „Institute for Economic and Social Studies on Sustainable Degrowth“ gegründet, welches im nächsten Jahr ein Symposium zum selben Thema ausrichtete. An diesem nahmen viele der heute in der Degrowth-Debatte bekannten Autor_innen teil, wie Serge Latouche, Mauro Bonaiuti, Paul Ariès, Jacques Grinevald, François Schneider und Pierre Rabhi. In Lyon gab es jedoch nicht nur wissenschaftliche Diskussionen, sondern es wurde auch für eine auto- und werbefreie Stadt protestiert, es gab gemeinschaftliches Essen in den Straßen und die Gründung von Lebensmittelkooperativen.

Im Jahr 2004 schwappten die Ideen nach Italien und 2006 nach Katalonien und Spanien. Dort wurden sie als „decrescita“ bzw. als „decreixement“ und „decrecimiento“ aufgegriffen. Die Zeitung „La Décroissance, le journal de la joie de vivre“ (deutsch: Postwachstum, das Magazin für Lebensfreude) wurde in Frankreich gegründet und Francois Schneider zog unter großer Medienaufmerksamkeit mit einem Esel durchs Land, um mit Menschen über Degrowth zu sprechen.

Einige Jahre nach seine Eseltour gründete Francois Schneider zusammen mit Denis Bayon und Fabrice Flipo 2007 die akademische Organisation Research and Degrowth (R&D), welche die internationalen Degrowth-Konferenzen initiiert hat und seitdem begleitet. Die erste internationale Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit fand 2008 in Paris statt. In der Konferenz wurde der englische Begriff „Degrowth“ verwendet und so auch in die internationale wissenschaftliche Debatte eingebracht. Mit der zweiten Degrowth Konferenz, die 2010 in Barcelona organisiert wurde, entstand der heute aktivere spanische Teil von R&D. Weitere internationale Degrowth-Konferenzen fanden 2012 in Venedig und 2014 in Leipzig statt. Die Konferenzen erleben seit 2008 einen Zuwachs an Interesse und Teilnehmenden, sowohl von Wissenschaftler_innen diverser Disziplinen als auch von Aktivist_innen und Praktizierenden. Sie dienen als Treffpunkt, Diskussions-, Lern- sowie Vernetzungsort und bringen der Bewegung immer mehr Aufmerksamkeit. Seit 2008 wurden über 100 wissenschaftliche Texte zum Thema Degrowth in internationalen Journalen und mehrere spezial Ausgaben (special Issues) herausgegebenen, zudem gibt es mittlerweile zahlreiche Bücher in verschiedenen Sprachen in weiten Teilen des Globalen Nordens. Degrowth ist inzwischen auch ein Thema an Universitäten und wird in der internationalen sowie der deutschen Presse diskutiert (Le Monde, Le Monde Diplomatique, El Pais, The Guardian, The Wall Street Journal and Financial Times, Frankfurter Rundschau, Taz, Der Spiegel, Die Zeit, Der Freitag).

Degrowth im deutschsprachigen Raum

In den 1970er Jahren war Wachstumskritik auch in Deutschland in der Öffentlichkeit weit verbreitet. Magazine wie „Technologie und Politik. Das Magazin zur Wachstumskrise“ (1976-1983) diskutierten Alternativen zur Wachstumsgesellschaft, ganze Taschenbuchreihen in großen Verlagen wie Fischer oder Rowohlt widmeten sich diesen Fragen. Auch die neu gegründete Partei „Die Grünen“ hatte einen starken Flügel, der eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum forderte. Mit den Konzepten der „nachhaltigen Entwicklung“ und der „ökologischen Modernisierung“, die in den 1980er und 1990er Jahren populär wurden, wurden diese Diskurse jedoch in den Hintergrund gedrängt und die Idee von „qualitativem“ oder „grünen“ Wachstum und einer Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch dominierten. Trotzdem gab es in den 1990er und 2000er Jahren mehrere große Konferenzen in Deutschland, bei denen das Thema Wachstumskritik eine zentrale Rolle einnahm, so die “Beyond Growth?” Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung 1999 in Berlin oder die Konferenzreihe McPlanet, getragen von globalisierungskritischen, kirchlichen und Umweltverbänden (fünf Konferenzen in Berlin und Hamburg zwischen 2002 und 2012). Wobei diese erst in den späten 2000er Jahren wieder stärker öffentlich wahrnehmbar wurden. In dieser Zeit kamen außerdem weitere Stimmen hinzu:

So gibt es zum Beispiel seit 2008 die regelmäßig stattfindende Ringvorlesung zur Postwachstumsökonomie an der Universität Oldenburg. Organisiert wird sie von den Ökonomen Niko Paech und Werner Onken. Hier kommen diverse wachstumskritische Akteure und vor allem Wissenschaftler_innen zu Wort. Außerdem besteht seit 2010 mit dem Erscheinen des Buches „Postwachstumsgesellschaft” von Irmi Seidl und Angelika Zahrnt der „Blog.Postwachstum“, der seitdem Teile der deutschen Postwachstumsdebatte abdeckt.

Im Jahr 2010 wurde das Netzwerk Wachstumswende von einigen jungen Mitgliedern der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) gegründet, in dem sich wachstumskritische Individuen vernetzen und austauschen. Die VÖÖ hatte bei einer Tagung im gleichen Jahr ein neues Leitbild formuliert, in dem sie sich inhaltlich an „Wirtschaft ohne Wachstum“ ausrichtet. Im gegründeten Netzwerk Wachstumswende gibt es seit 2010 lokal Gruppen die für Degrowth aktiv sind, Vortragsangebote, Onlinediskussionen etc.. 2011 hat sich zudem der Förderverein Wachstumswende gebildet, der das Netzwerk langfristig stützt und das Portal Wachstumswende.de betreibt. Im gleichen Zeitraum ist auch das Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig entstanden. Dieses entwickelt, verbreitet und vermittelt Konzepte für eine soziale, umweltgerechte und demokratische Wirtschaft. Seit 2013 ist Degrowth ein Schwerpunktthema des Konzeptwerks. Neben dem Förderverein Wachstumswende und dem Konzeptwerk gibt es mittlerweile viele weitere Akteure, die zum Thema Degrowth arbeiten, was zum Beispiel auch die Vielzahl an Veranstaltungen auf der Degrowth Konferenz gezeigt hat.
Seit dem Entstehen des globalisierungskritischen Netzwerks „Attac“ in Deutschland 2001 war Wachstumskritik dort ein Thema. 2009 veröffentlichten Matthias Schmelzer und Alexis Passadakis aus dem Attac-Koordinierungskreis ein Thesenpapier zu Postwachstum, 2010 einen Attac-Basistext. Aus dieser Initiative entstand die Vorbereitungsgruppe zum Kongress „Jenseits des Wachstums?!“, der 2011 in der TU Berlin etwa 3000 Menschen anzog und unter großer Beteiligung entwicklungs- und umweltpolitischer Gruppen und Verbände und gewerkschaftlicher Beteiligung statt fand.

Auch auf bundespolitischer Ebene wurde über Wachstum gesprochen. Von 2011 bis 2013 arbeitete eine Enquete-Kommission des Bundestages zu „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“. Die Wirkung der Kommission wurde unterschiedlich bewertet. Sie hat dazu beigetragen, dass Wachstumskritik auch in offiziellen politischen Kreisen salonfähig wurde und das Thema immer wieder in den Medien aufgegriffen wurde. Auch zeigt die Kommission in einem ausführlichen Bericht unter anderem auf, dass Entkoppelung keine Lösung für die herrschenden ökologischen und sozialen Probleme ist. Allerdings wurde eine progressive Diskussion durch die damalige schwarz-gelbe Koalition und einige Sachverständige behindert. Im Ergebnis bietet der Abschlussbericht daher wenig konkrete Handlungsempfehlungen und keine Vision einer Gesellschaft, die nicht mehr wachsen muss.
Meilensteine der Degrowth-Bewegung in Deutschland sind sicherlich der bereits erwähnte von Attac organisierte Kongress „Jenseits des Wachstums“, sowie die internationale Degrowth Konferenz, die 2014 in Leipzig über 3.000 Besucher_innen zählte. Beide Konferenzen brachten Wachstumskritiker_innen verschiedener Bewegungen zusammen und tragen zu der national und international größer werdenden Debatte über Degrowth bei.

Degrowth wird durch verschiedene Projekte in Deutschland weiter thematisiert – den aktuellen Stand entnehmen Sie am besten den anderen Teilen dieser Webseite.

Quellen

D’Alisa, Giacomo, Federico Demaria and Giorgos Kallis (edit.) 2014. Degrowth: A Vocabulary for a New Era, Routledge.
Muraca, Barbara . Décroissance; A project for radical social transformation. Environmental Values 22 (2013): 147–169.
Schmelzer, Matthias 2014: Gutes Leben statt Wachstum: Degrowth, Klimagerechtigkeit, Subsistenz – eine Einführung in die Begriffe und Ansätze der Postwachstumsbewegung. Blogbeitrag Juli 2014 auf www.degrowth.de. Link zum Blogbeitrag
Ulrich Brand 2014. Degrowth: Der Beginn einer Bewegung?. Die Blätter für deutsche und internationale Politik. 10/2014, Seite 29-32. Link zum pdf