Workshop-Phase 1

Stress als Grundzustand: Geflüchtete zwischen Isolation, Rassismus und Abschiebeangst

Geraud Potago & Darik Yonkeu (NoStress-Tour und Afrique-Europe-Interact)
Ort: Saal May Ayim // FR (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Stress ist für viele Geflüchtete eine Art Grundzustand. Vor diesem Hintergrund hat eine Gruppe Geflüchteter in Berlin und Brandenburg zwischen Juni und September 2016 in vier Flüchtlingslagern in Berlin und Bielefeld die NoStress-Tour durchgeführt. Ziel war es, mit niedrigschwelligen Angeboten wie Sport, Musik und Kinderprogramm die Lagerbewohner_innen aus ihrem Stress zu holen, dies jedoch in einem zweiten Schritt mit einer ausdrücklichen Empowerment-Perspektive zu verbinden. Zudem sollten mittels der NoStress-Tour Kontakte zu Nachbar_innen und Willkommensinitiativen aufgebaut werden. Das Projekt war insgesamt ein großer Erfolg, trotz zahlreicher Schwierigkeiten, gerade mit Willkommensinitiativen und antirassistischen Gruppen, wie zwei der Organisatoren in einem Interview danach festgestellt haben: „Wir wollen wirklich nicht polemisch sein, aber uns scheint, dass selbstorganisierte Geflüchteten-Aktivist_innen oft nicht ernst genommen werden.“ Im kommenden Jahr soll es eine große NoStress-Konferenz geben, auch darum soll es in diesem Workshop zu Selbstorganisierung gehen.

Geraud Potago kommt aus Kamerun, wo er einige Jahre studiert hat. Sein Weg nach Europa war kompliziert, am schwierigsten waren seine Erfahrungen im Gefängnis in Mali. 2010 war er – ebenfalls in Mali – an der Gründung von Afrique-Europe-Interact beteiligt. In Europa ist er u.a. mit der CISPM (Coalition des Sans Papiers et Migrant.e.s) aktiv, außerdem hat er die NoStress-Tour 2016 initiiert.

Darik Yonkeu kommt aus Kamerun und hat sich dort in verschiedenen Kontexten engagiert, u.a. für die Rechte von inhaftierten Jugendlichen, im Kampf gegen Aids sowie in Tanzprojekten mit Jugendlichen. In Deutschland engagiert sich Darik bei IL Berlin und Afrique-Europe-Interact für die Rechte von Geflüchteten und war unter anderen an der NoStress-Tour und an “We’ll come united” beteiligt.

Ressourcen-Ausbeutung und korrupte Staatlichkeit. Kongo und Niger als exemplarische Fälle

Emmanuel Mbolela, Olaf Bernau & Ousman Oumarou Hamani (alle Afrique-Europe-Interact)
Ort: Foyer Ken Saro-Wiwa // FR (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Die Lage scheint paradox: Einerseits sind zahlreiche Länder in Afrika extrem reich an mineralischen Rohstoffen, an Wasserressourcen oder an fruchtbaren Ackerflächen. Andererseits ist die Bevölkerung ausgerechnet in diesen Ländern von großer Armut betroffen. Hintergrund ist, dass korrupte Regierungen ihre Rohstoffe oder riesigen Landflächen an reiche Investoren aus aller Welt buchstäblich verschleudern: Diese müssen kaum Steuern und Gebühren zahlen, auch Umwelt- und Sozialauflagen spielen keine Rolle – im Gegenzug werden Korruption, Misswirtschaft und Verletzung von Menschenrechten (seitens „westlicher“ Unternehmen oder Regierungen) stillschweigend akzeptiert. Ergebnis dieser bereits im Kolonialismus entstanden Kollaboration ist, dass für die ganz normale Bevölkerung kaum etwas übrig bleibt – vor allem, was soziale Infrastruktur wie Bildung, Gesundheitsversorgung, Straßen, Wasser, Strom etc. betrifft. In dem Workshop sollen diese Prozesse am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo und dem Niger konkret diskutiert werden, auch mit Blick auf den Widerstand der vielfältigen sozialen Bewegungen in den beiden Ländern.

Emmanuel Mbolela musste die Demokratische Republik Kongo 2002 nach kurzer Haft aus politischen Gründen verlassen. Er lebte vier Jahre in Marokko, bevor er 2008 in die Niederlande ausreisen konnte. 2015 veröffentlichte er das Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil“. Emmanuel ist aktiv bei Afrique-Europe-Interact.
Olaf Bernau (NoLager Bremen) ist seit Mitte der 1980er Jahre politisch aktiv, seit 2010 vor allem im Rahmen von Afrique-Europe-Interact. Er fährt regelmäßig nach Mali.
Ousman Oumarou Hamani kommt aus dem Niger. Er war 15 Jahre in einem Lager in Sachsen-Anhalt untergebracht, heute lebt er in Bremen. Er ist aktiv bei Afrique-Europe-Interact.


 

Zirkuläre Migration (als Entwicklungsstrategie) statt Abschiebung oder „freiwilliger“ Ausreise

Alassane Dicko (Afrique-Europe-Interact, Mali) & Stephan Dünnwald (Bayerischer Flüchtlingsrat, München)
Ort: Salon Lilian Masediba Ngoyi // FR–DE (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Migration hat die Geschichte weiter Teile Afrikas maßgeblich geprägt. Entsprechend ist bis heute die an den Rhythmus der Regenzeit angelehnte zirkuläre Arbeitsmigration ein nicht wegzudenkender (Entwicklungs-)Faktor in Westafrika – vor allem als Pendelmigration zwischen Binnen- und Küstenländern. Gleichzeitig sind seit Ende der 1950er Jahre verstärkt Migrant_innen aus Ländern wie Mali oder Senegal Richtung Europa aufgebrochen. Vor diesem Hintergrund weisen afrikanische Aktivist_innen immer wieder darauf hin, dass Migration nicht kontrollierbar ist. In dem Workshop soll es einerseits um die wechselhafte Geschichte der zirkulären Migration in bzw. aus Afrika gehen, andererseits darum, wie diese „Entwicklungsstrategie von unten“ durch die repressive EU-Migrationspolitik immer stärker unter Druck gerät. Zudem soll diskutiert werden, weshalb Rückkehrprogramme nach Afrika nur dann funktionieren können, wenn die Rückkehrer_innen das Recht haben, jederzeit erneut nach Europa zu kommen – zum Beispiel dann, wenn es nicht gelingen sollte, im Herkunftsland wieder Fuß zu fassen.

Alassane Dicko ist ausgebildeter Informatiker. 2006 wurde er aus der Elfenbeinküste nach Mali vertrieben, woher seine Eltern ursprünglich stammten. In Bamako hat er die Assoziation der Abgeschobenen (AME) mit aufgebaut, seit 2010 ist er Pressesprecher der malischen Sektion von Afrique-Europe-Interact.
Stephan Dünnwald ist Mitarbeiter des Bayrischen Flüchtlingsrats. Er hat zum Verhältnis von Anwohner_innen gegenüber Flüchtlingslagern geforscht und beschäftigt sich mit den Themen Migration und Entwicklung, Rückkehr, und Externalisierung europäischer Migrationspolitik. In diesem Zusammenhang war er länger in Mali.

Ökozid im Nigerdelta: Flucht und Migration als Folge westlicher Rohstoffpolitik

Peter Donatus (freier Journalist, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist, Köln)
Ort: Mekatilili wa Menza // DE (gedolmetscht in DE–FR–EN)

In Kriegshandlungen kennt man die Aggressoren, die Flucht verursachen. Anders beim Ökozid: Der Täter ist der gesichtslose, ungreifbare globale Kapitalismus. Ökozid ist die Beschädigung und Zerstörung von Ökosystemen vorwiegend durch rücksichtslose industriell-zivilisatorische Handlungen des Westens und somit die Vernichtung der Lebensgrundlagen einer Bevölkerungsgruppe. Flucht und Migration sind reale Folgen von Ökoziden. Diejenigen, die deswegen fliehen müssen, gelten leider als „Wirtschaftsflüchtlinge“, und fallen somit nicht unter den Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention. Was sind die sozialen, politischen, wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Folgen der Ökozide? Wie stehen diese Folgen im Zusammenhang mit Migration und selbstbestimmter Entwicklung? Was kann getan werden, um Ökozide zu stoppen? Diese Fragen werden anhand der Lage im Niger-Delta von Nigeria beleuchtet, das erheblich unter den Folgen eines seit 1958 andauernden Ökodesasters leidet.

Peter Donatus, selbst vor 29 Jahren aus Nigeria geflüchtet, ist freier Journalist, Umwelt-/Menschenrechtsaktivist und Projektmanager. Er ist langjähriger Kritiker des Öl-Multis Shell. Peter Donatus kämpft seit mehr als drei Jahrzehnten gegen die Umweltverwüstung im Nigerdelta und wurde deswegen monatelang in Incommunicado-Haft ohne Anklageerhebung inhaftiert. Heute lebt er in Köln.

 

50 Jahre Eyadéma-Familiendiktatur ist genug! Zu den aktuellen Massenprotesten in Togo 

Mit mehreren (togolesischen) Aktivist_innen, u.a. von Afrique-Europe-Interact
Ort: Studio Frantz Fanon // FR (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Seit 50 Jahren ist das westafrikanische Land Togo fest im Griff des Eyadéma-Familienclans: Nachdem bereits 1963 der populäre Unabhängigkeitsführer Sylvanus Olympio ermordet wurde, putschte sich 1967 Gnassingbé Eyadéma an die Macht – im Übrigen ein enger Freund des langjährigen bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Joseph Strauß (CSU). Als Eyadéma 2005 starb, folgte sein Sohn Faure Gnassingbé in das Präsidentenamt – bei Protesten nach den gefälschten Wahlen 2005 wurden ca. 800 Menschen von Sicherheitskräften ermordet. Doch seit 2013 finden regelmäßig Massenproteste in Togo statt, bei denen nicht zuletzt Marktfrauen eine wichtige Rolle spielen. Seit August 2017 demonstrieren wieder Hunderttausende, es besteht also aktuell die realistische Chance, dass sich die politische, soziale und ökonomische Situation in dem völlig heruntergewirtschafteten Land demnächst verändern könnte – und damit auch die Lage jener Hunderttausenden Menschen, die seit Beginn der 1990er Jahre aus Togo flüchten mussten.

 

Dekolonialisierung des Wissens und für eine Epistemologie des Südens

Miguel Angel Ruiz Martínez (Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen) & Conrad Schmidt-Bens (Netzwerk Studieren & Transformieren)
Ort: Loge Thomas Sankara // DE (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Formal ging die Ära des Kolonialismus nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende und viele Kolonien errangen politische Unabhängigkeit. Doch nicht nur die wirtschaftlichen und soziokulturellen Ketten blieben. Die Hegemonie der westlichen Welt schreibt weiterhin die Geschichte und beherrscht Wissenschaft, kritisches Denken und Lebensvorstellungen. Um die Ausbeutung von Menschen im Globalen Süden zu rechtfertigen sowie Wissens- und Definitionsmacht des Globalen Nordens zu erhalten, machen europäische Wissenschaften manche Menschen zu Menschen zweiter Klasse. Dabei ignorieren sie Wissensformen und Wissenspraxen im Globalen Süden oder klassifizieren sie als irrational. Der Workshop hinterfragt dieses Werte- und Wissenssystem des Globalen Nordens sowie dessen Instrumente der kognitiven Herrschaft. Darüber hinaus wollen wir uns über Ansätze einer Epistemologie des Südens und über emanzipatorische Ansätze der Erkenntnisfindung austauschen. Wir wollen verstehen, um zu handeln und handeln, um zu verstehen.

Miguel Angel Ruiz Martínez ist mexikanischer Menschenrechtler. Zur Zeit ist er in der Flüchtlingsarbeit tätig sowie als Berater für migrantische Organisationen im Bereich der Entwicklungspolitik.
Conrad Schmidt-Bens ist Bildungsaktivist, Dramaturg im Theater X und arbeitet bei Brot für die Welt. Dort hat er zusammen mit Studierenden aus dem Globalen Süden das Netzwerk Studieren & Transformieren für Bildungsgerechtigkeit gegründet.Reparationen für koloniale Verbrechen und ökologische Zerstörung – Erfahrungen aus Tansania

Reparationen für koloniale Verbrechen und ökologische Zerstörung – Erfahrungen aus Tansania 

Fulgence Kisalya (Vereinigung der Tansanier in Berlin und Brandenburg, Berlin)
Ort: Emiliano Zapata // DE (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Im Maji Maji Krieg von 1905 bis 1907 taten sich verschiedene Bevölkerungsgruppen im Südwesten Tansanias zusammen, um sich gegen Arbeitszwang, Plantagenökonomie und die deutsche Kolonialherrschaft insgesamt zu wehren. Die Niederschlagung dieses Befreiungskampfes kostete schätzungsweise 300.000 Afrikaner_innen das Leben. Die Region leidet noch heute an den sozialen und ökologischen Folgen dieses Krieges. Die BRD hat sich nie offiziell für diesen Massenmord entschuldigt, ebenso wenig wie für andere Gräueltaten und Raube wie den des im Naturkundemuseum Berlins ausgestellten riesigen Dinosaurierskeletts. Tansanier_innen in Deutschland – zusammen mit anderen Menschen aus ehemaligen deutschen Kolonien wie beispielsweise Namibia – fordern schon lange eine Auseinandersetzung mit diesen kolonialen Verbrechen sowie Reparationen. Vor kurzem haben auch Regierungsmitglieder Tansanias das Thema Reparationen angesprochen. In diesem Workshop geht es um die Frage, ob und wie Reparationen (materieller und immaterieller Art) ein Mittel sein können, auf kolonialzeitliche Verbrechen und ökologische Zerstörungen adäquat zu reagieren.

Fulgence Kisalya ist aktiv bei der Vereinigung der Tansanier in Berlin und Brandenburg (UWATAB). Er hat lange als Kisuaheli-Sprachlehrer für den Deutschen Entwicklungsdienst und das Auswärtige Amt gearbeitet.

Film: God is Not Working on Sunday, eh! (Regie: Leona Goldstein, Ruanda 2015, 84 Minuten)

Ort: Lottas Kaufladen (Erich-Köhn-Str. 68) // Französisch/Kinyarwanda mit deutschen oder englischen Untertiteln

Mehrfach preisgekrönter Film von Leona Goldstein zur Situation von Frauen nach dem Genozid in Ruanda 1994. „God is not Working on Sunday, eh!“ erzählt die Geschichte von Godelieve Mukasarasi und Florida Mukarubuga. Zwei von vielen Frauen in Ruanda, die sich darum bemühen, die Traumatisierungen des Völkermords durch gemeinsame Aktivitäten und individuelle und kollektive Unterstützungsangebote zu überwinden – wobei sowohl Überlebende als auch Täter_innen angesprochen werden. Trotz ihrer unterschiedlichen Biographien kämpfen die beiden Frauen für ein gemeinsames Ziel: Versöhnung, gleiche Rechte und politische Beteiligung von Frauen. Ohne finanzielle Mittel oder eine einschlägige Ausbildung haben sie es geschafft, ein lebendiges und unabhängiges Frauen-Netzwerk aufzubauen, das heute eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau der Nachbarschaften, im Versöhnungsprozess und beim Vorantreiben des sozialen Wandels spielt.