Samstag 9:30 – 11:00 Uhr  Vier parallele Podien

Am Samstagmorgen gibt es vier Podien, die parallel laufen. Unser Ziel dabei ist es, dass möglichst viele Teilnehmende der Konferenz sich mit einigen der Themen auseinandersetzen, die uns als Vorbereitungskreis besonders wichtig erscheinen. Dabei wollen wir darauf achten, dass bei jedem Podium ungefähr gleich viele Menschen sind.

 

Kämpfe von Frauen für selbstbestimmte Entwicklung

Mercia Andrews (Direktorin von TCOE, Trust for Community Outreach and Education, Kaptstadt), Dora Sandrine Koungoyo Ndedi (Aktivistin bei Corasol und Gründerin des Magazins „Stimme“, Potsdam) & Nyima Jadama (Journalistin, Freiburg)
Moderation: Carina Flores (Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen, Leipzig) & Miriam Gutekunst (Konzeptwerk Neue Ökonomie, Leipzig)
Ort: Saal May Ayim // EN–FR (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Fragen von Entwicklung, globaler Gerechtigkeit und einem guten Leben betreffen alle Menschen. Patriarchale Geschlechterverhältnisse beeinträchtigen die Lebensperspektiven von Frauen jedoch noch einmal besonders. Gerade in politisch und ökonomisch unsicheren Ländern auf dem afrikanischen Kontinent sind Frauen verstärkt von Ausbeutung, Armut, Gewalt und Diskriminierung betroffen – trotz ihrer häufig ziemlich starken Position im Alltagsgeschehen. So haben Frauen in armen Ländern nur zehn Prozent der Nutzungsrechte für Anbauflächen – in afrikanischen Ländern im Schnitt sogar nur ein Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche –, obwohl 80 Prozent aller Nahrungsmittel von ihnen produziert werden. Gleichzeitig haben feministische Bewegungen, Solidaritäten und Selbstorganisierungen von Frauen eine lange Tradition in vielen afrikanischen Ländern. Frauen verlassen oft aus anderen Gründen als Männer ihr Land – und müssen dabei andere Wege nehmen (geschlechtsspezifische Benachteiligung oder Gewalt). Einmal in Europa angekommen, müssen geflüchtete Frauen nicht nur weiterhin patriarchalen Verhältnissen widerstehen, sondern sind zusätzlich mit einem Migrationsregime konfrontiert, das sie auf besondere Weise in ihren Lebenschancen einschränkt. Auf diesem Podium wird es um die Kämpfe von Frauen für selbstbestimmte Entwicklung – sowohl in Afrika als auch in Europa – sowie die transnationalen Verbindungen und Allianzen gehen.

Mercia Andrews ist Direktorin der NGO Trust for Community Outreach and Education (TCOE) in Kapstadt, die vor allem mit Kleinfarmer_innen arbeitet. Außerdem ist sie regionale Koordinatorin des Southern African Rural Women‘s Assembly.

Nyima Jadama ist Journalistin aus Gambia und lebt in Freiburg. Sie studiert Politikwissenschaft an der Kiron University und arbeitet u.a. für „Our voice – Die Stimme der Unsichtbaren“, eine Radiosendung von Radio Dreyeckland von und für Geflüchtete.

Dora Sandrine Koungoyo Ndedi ist Informatikerin und lebt in Potsdam. Sie ist Gründerin des Magazins „Stimme“ und in unterschiedlichen Gruppen in Berlin aktiv, wo sie sich vor allem für die Rechte von Frauen in Deutschland und Kamerun einsetzt.

 

Soziale Bewegungen und selbstbestimmte Entwicklungsperspektiven in Afrika

Victor Nzuzi (Bauer und Aktivist, Afrique-Europe-Interact/La Via Campesina, DR Kongo) & Emmanuel Mbolela (Afrique-Europe-Interact)
Moderation: Conni Gunßer (Afrique-Europe-Interact)
Ort: Salon Lilian Masediba Ngoyi // FR (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Für viele Menschen in Europa – auch linke Aktivist_innen – ist Afrika bis heute der Kontinent der Krisen, d.h. der Kriege, des Hungers, der Armut, der Kinderarbeit, der politischen Verfolgung etc. Doch diese Wahrnehmung ist grundverkehrt, sie ist ein Erbe des kolonialen Blicks, der bis heute glaubt, Afrika in erster Linie helfen und somit zivilisieren zu müssen. Die beiden Referenten werden am Beispiel verschiedener Themen die überaus vielfältige zivilgesellschaftliche und bewegungspolitische Landschaft in zahlreichen afrikanischen Ländern vorstellen. Denn gerade weil viele afrikanische Regierungen korrupt, klientelistisch und an westlichen Interessen orientiert sind (was ebenfalls ein verhängnisvolles Erbe des Kolonialismus darstellt), ist in Afrika häufig die von Bauern und Bäuerinnen, (Markt-)Frauen, Migrant_innen, jungen Menschen, Minenarbeiter_innen und vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen getragene Zivilgesellschaft der einzige Akteur, der tatsächlich einen ernsthaften Beitrag zur Veränderung leisten kann. Wie groß der jeweilige Spielraum ist, hängt dabei sehr stark von den einzelnen Ländern ab, aber gerade die beeindruckende Revolution in Burkina Faso im Oktober 2014 zeigt, dass selbst fest im Sattel sitzende Diktatoren von breiten sozialen Bewegungen verjagt werden können.

Victor Nzuzi ist einer der bekanntesten Globalisierungskritiker_innen in der Demokratischen Republik Kongo. Er ist Erdnussbauer und als Mitglied von Via Campesina vor allem in kleinbäuerlichen Kämpfen aktiv. Er hat eine eigene Radiosendung, zudem ist er regelmäßig an Film- und Fernsehproduktionen beteiligt, bei denen es u.a. um Korruption, Verschuldung, Klimawandel und Migration geht. 2008 war Victor Nzuzi beim Klima-/Migrationscamp in Hamburg dabei. 2011 hat er an der Bamako-Dakar-Karawane teilgenommen, aus der das transnationale Netzwerk Afrique-Europe-Interact hervorgegangen ist.

Emmanuel Mbolela musste die Demokratische Republik Kongo 2002 nach kurzer Haft aus politischen Gründen verlassen. Er lebte vier Jahre in Marokko, bevor er 2008 in die Niederlande ausreisen konnte. 2015 veröffentlichte er das Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil“. Emmanuel ist aktiv bei Afrique-Europe-Interact.

 

Leben auf Kosten anderer: Kapitalismus, Kolonialismus und die Ausbeutung von Mensch und Natur

Ulrich Brand (Universität Wien) & Lucía Muriel (MEPa e.V., Berlin)
Moderation: Peter Donatus (freier Journalist, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist, Köln)
Ort: Foyer Ken Saro-Wiwa // DE (gedolmetscht in DE–FR–EN)

„Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört“ ist seit langem ein Slogan selbstorganisierter Geflüchtetenorganisationen. Damit wird u.a. darauf verwiesen, dass Kapitalismus, koloniale Kontinuitäten und ökologische Zerstörung zentrale Ursachen für die globale Ungleichheit sind und in einer emanzipatorischen Diskussion über Fluchtursachen nicht fehlen dürfen. Gleichzeitig gibt es Bewegungen im globalen Norden, auch in Europa, die genau diese Zusammenhänge von der anderen Seite her kritisieren – nämlich, dass die wachstums- und profitorientierte Produktions- und Lebensweise im globalen Norden dazu führt, dass einige Menschen (vor allem in den früh industrialisierten Ländern) auf Kosten anderer (vor allem in den ehemals kolonisierten Ländern) leben. Wie hängt beides zusammen? Inwiefern lässt sich das Wachstums- und Wohlstandsmodell des globalen Nordens und die imperiale Lebensweise als Fluchtursache verstehen? Auf diesem Podium wird diskutiert, inwiefern Wachstums- und Kapitalismuskritik wie Degrowth oder Postwachstum mit flucht- und migrationspolitischen Fragen zusammenhängen. Daraus sollen sich neue Perspektiven für gemeinsame Kämpfe um ein selbstbestimmtes Leben ergeben, die diese Perspektiven zusammendenken.

Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien. Er forscht u.a. zu den Themen Globalisierung und Globalisierungskritik, Global Governance und Transformation des Staates, Umwelt- und Ressourcenpolitik sowie zu sozialen Bewegungen.

Lucía Muriel ist Gründungsmitglied und Vorsitzende des migrantischen Bundesverbandes Migration, Entwicklung MEPa e.V. in Berlin und ist Aktivistin im Bereich Dekolonisierung, Partizipation und Emanzipation. Sie arbeitet vor allem zu Empowerment von Migrant_innen und Diaspora. 

 

Zur Aktualität anti-kolonialer (Entwicklungs-)Konzepte

Hamado Dipama (AK Panafrikanismus, München) & Ekanga Ekanga Claude Wilfried (Autor, Universität Frankfurt)
Moderation: Isabelle Reimann
Ort: Mekatilili wa Menza // DE–FR (gedolmetscht in DE–FR–EN)

Der antikoloniale Aktivist und Theoretiker Frantz Fanon rief 1961 dazu auf, dass die Welt etwas anderes von den Gesellschaften der (ehemals) kolonisierten Gebiete erwarte als eine „fratzenhafte und obszöne Nachahmung“ Europas. Aktuelle Diskussionen über selbstbestimmte Entwicklung, ökologische Nachhaltigkeit oder Alternativen zu kapitalistischer Wirtschaftsweise müssen nicht bei Null anfangen, sondern können auf Jahrhunderte von Kämpfen gegen Kolonialismus und Ausbeutung aufbauen. Vor allem in den afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen des 20. Jahrhunderts wurden grundlegende Kritiken formuliert (und teilweise umgesetzt), die Gesellschaftsentwürfe jenseits westlicher „Entwicklung“, kapitalistischer Ausbeutung und Zerstörung sowie individualisierter Konkurrenz beinhalteten. Auf diesem Podium wird in anti-koloniale (Entwicklungs-)Konzepte eingeführt und diskutiert, wie relevant sie für heutige Problemlagen sind und wie realistisch innerhalb gegebener Kräfteverhältnisse. Wie können sie dabei helfen, das langfristige Erbe kolonialer Dominanz in Afrika zu überwinden – beispielsweise in Bezug auf Sprache, Währung, Handelsbeziehungen und Migrationspolitik?

Hamado Dipama ist 2002 aus Burkina Faso nach Deutschland geflohen und lebte neun Jahre lang mit dem Status der Duldung. Seit 2007 ist er Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats. Er ist Gründer des Arbeitskreises Panafrikanismus München e.V. sowie Mitbegründer und Stellv. Vorsitzender des Zentralrats der afrikanischen Gemeinde in Deutschland. Hamado Dipama beschäftigt sich seit langem mit dem Erbe des ehemaligen Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara, der im Zuge eines Militärputsches ermordet worden ist.

Ekanga Ekanga Claude Wilfried schloss 2008 sein Hochschulstudium in Yaoundé, Kamerun ab und studiert seit 2010 in Frankfurt Politikwissenschaft. Er hat den Gedichtband „Des Afriques et des vers“ veröffentlicht, schreibt für die kamerunische Onlinezeitung camersenat.info und hält Vorträge zu neokolonialen Verstrickungen der zentral- und westafrikanischen Währungen FCFA-Franc und afrikanischer Bildungssysteme.