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Vortrag von Barbara Muraca und Klaus Dörre bei der Veranstaltung “Wohlstand ohne Wachstum?” des DGB 2011 in Berlin mit dem Titel “Bedingungen einer Postwachstumsgesellschaft”.

Beschreibung:
Baraba Muraca setzt sich in ihrem Vortrag mit der Frage des „guten Lebens” in Postwachstumsgesellschaften auseinander. Ausganspunkt ihrer Überlegungen ist die Feststellung, dass Wachstum zunehmend eher als Hindernnis denn als Voraussetzung für gutes Leben gelten muss. Studien zeigen, dass Wachstum und Lebensqualität zunehmend voneinander entkoppelt seien.

Doch was ist „gutes Leben” und wie ließe es sich wissenschaftlich erheben? Muraca kritisiert eine Entwicklung, angesichts der es üblich geworden ist, gutes Leben mit subjektivem Glück gleichzusetzen. Länder wie Großbritannien versuchen durch die Entwicklung von Glücksindikatoren Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Wohlstandsmaß zu finden. Für Muraca ist das gute Leben jedoch mehr als die „Self-Reported-Happyness”, die in Umfragen erhoben werden kann. Subjektives Glück sei kein politisches Ziel und auch keine politische Kategorie im eigentlichen Sinne.

Die Frage danach, was Menschen für wertvoll und lebenswürdig halten, die Frage also nach dem guten Leben, ist für Muraca nicht in unmittelbare Präferenzen übersetzbar. Die Voraussetzungen für gutes Leben seien dagegen benennbar: Es geht um substantielle Freiheiten, die es möglich machen, ein menschenwürdiges, sinnstiftendes und nicht entfremdetes Leben zu führen. Dabei geht es nicht um Lebensstilfragen, sondern um gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen als fundamentale Bedingung für gutes Leben.

Klaus Dörre diagnostiziert eine „Sakralisierung des Wachstums” im meinungsführenden Teil unserer Gesellschaft. Der quasireligiöse Grundkonsens laute: Die Ökonomie muss weiter wachsen, da nur so die Beschäftigung gesichert und Wohlfahrt für alle bereitgestellt werden kann. Gleichzeitig befänden sich die Länder des globalen Nordens in einer ökonomisch-ökologischen Doppelkrise. Deren Wesenskern ist es, dass die Entschfärfung der ökonomischen Krise durch Wachstum zu einer Verschärfung der ökologischen Krise führt. Doch selbst in Wirtschaften in denen es noch signifikantes Wachstum gibt, gehe die alte Gleichung „Mehr Wachstum = Mehr Wohlstand” nicht mehr auf. Stattdessen nehmen soziale Ungleichheiten global zu.

Doch welche Auswege aus diesem Dilemma gibt es? Sind eine Zunahme von Gleichheit und Wohlstand mit einer Ökonomie vereinbart, die nicht wächst? Konzepte die diese Frage bejahen werden im Rahmen der Debatte um eine „Postwachstumsgesellschaft”, also ein Gesellschaftssystem ganz ohne Wachstum, diskutiert.

Klaus Dörre erörtert in seinem Vortrag verschiedene Konzepte dieser Debatte wie etwa den Green New Deal und skiziert einen eigenen Ansatz. Für ihn stellt der Weg in die Postwachstumsgesellschaft einen längerwierigen Transformationsprozess dar, der die Strukturen des kapitalistischen Systems schrittweise verändert. Diesem Prozess unterworfen sind gegenwärtige Produktions- und Konsumstile — die sich aber eben nicht von heute auf morgen ändern lassen. Es gelte zudem Bereiche auszuweiten, die nicht den Funktionsprinzipien kapitalistischer Gesellschaften entsprechen. Wachsen sollen dagegen weiterhin Dienstleistungen, bei denen die geleistete Arbeit direkt in die Qualität der Dienstleistung eingeht, wie zum Beispiel in Pflegeberufen aber genauso bei Erziehung und Bildung. Diese Bereiche gelte es durch stärkere Finanzierung auszuweiten.