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Eindrücke von der Degrowth Sommerschule und dem Klimacamp im Rheinland

Zum zweiten Mal ist jetzt die Degrowth Sommerschule auf dem Klimacamp im Rheinland zuende gegangen mit ca. 800-900 Teilnehmenden auf dem Camp. Während es letztes Jahr  vor allem um Klimagerechtigkeit ging und darum, die Degrowth- und Klimagerechtigkeitsbewegung zusammenzubringen, ist dieses Jahr daraus eine solide Partnerschaft erwachsen; und so waren beide Konzepte eingewoben in das Gesamtprogramm. Abgesehen von der Sommerschulkursen selbst gab es keine Trennung mehr im Programm zwischen Degrowth – und Klimacampveranstaltungen und auch das Organisationsteam war zu einer einzigen Gruppe verschmolzen. Dadurch entstand Raum, sich voll auf den Systemwandel zu konzentrieren, den beide Bewegungen voranbringen wollen – und auf die notwendigen Fähigkeiten, diesen zu erreichen.

Skills for System Change

Unter dem Motto “Skills for System Change” ging es dieses Jahr ganz darum, Menschen dazu zu ermächtigen, sowohl eine andere Wirklichkeit zu praktizieren, als auch die verschiedenen Schichten von systemischen Zwängen, Ungerechtigkeiten und Machtstrukturen zu dekonstruieren, denen wir alle unterworfen sind. Während auch dieses Jahr wieder Festivalatmosphäre herrschte, konzentrierten sich sowohl Sommerschule als auch das Gesamtcamp sehr darauf, widerständige Alltagspraktiken zu etablieren. Dies spiegelte sich nicht nur in der Kursauswahl wieder, die viele praktische Angebote umfasste, wie den Bau von Solarduschen, die Gründung von Repair-Initiativen und Urban Gardening, sondern auch in der hierarchiefreien Campstruktur und der Einbindung der täglichen Themenschwerpunkte. Mit täglichen Impulsvorträgen, Open Space und Diskussionsgruppen konnten sich die Teilnehmenden diesen Themen von verschiedenen Seiten aus nähern – neben der Mithilfe beim Schnippeln, Reinigen der Komposttoiletten oder anderen Beiträgen zum Ablauf des Camps.

Jeder einzelne dieser Themenschwerpunkte hätte schon für sich eine ganze Sommerschule oder ein Klimacamp füllen können – wodurch vor allem die Komplexität der Vision eines Systemwandels sichtbar wird.

  • Systeme verstehen – Kapitalismus und Herrschaft hinterfragen
  • Utopien entwickeln – gemeinsam die Richtung des Wandels finden
  • Bündnisse schmieden – Solidarität leben und den Wandel organisieren
  • Brücken bauen – Transformationsprozesse gerecht gestalten
  • Hegemonie aufbrechen – Rassismus und Neoliberalismus entgegentreten 

 

Gemeinschaft und Verbindung

Für Simon aus Freiburg sind Sommerschule und Klimacamp ein besonderes Highlight, “weil es ein Ort ist, wo Menschen zusammenkommen, die gemeinschaftliches Leben praktizieren wollen und durch Gemeinschaft etwas bewegen wollen”. Ihm gefällt vor allem, das dies ein Ort ist, “wo die Menschen nicht nach ihren erlernten Berufen einsortiert werden, sondern dort, wo sie spüren, dass sie gebraucht werden”. Sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen, spielt auch für andere Teilnehmenden eine wichtige Rolle. Brototi aus Indien, die zum ersten mal in Europa ist, beschreibt das so: “Man trifft eine Menge Leute mit den verschiedensten Hintergründen, die aber irgendwie dadurch verbunden sind, dass sie über die verschiedenen Initiativen sprechen, an denen sie beteiligt sind. Da entsteht ein Bewusstsein, dass es mehr Menschen gibt, die so sind wie man selbst, und dass wir gemeinsam Dinge verändern können.” Auch viele Teilnehmende am Kurs zu Tiefenökologie fanden, dass eine gute und tiefe Verbindung zu anderen Menschen besonders wichtig ist, um die Kraft zu finden, nicht aufzugeben, und angesichts all der Krisen die Hoffnung zu behalten.

Allianzen und Brücken zwischen Norden und Süden und den verschiedenen Kämpfen

Auch dieses Jahr spielte das Bilden von Allianzen und Bauen von Brücken zwischen Menschen und Initiativen aus dem globalen Norden und Süden sowie den verschiedensten aber systemisch verbundenen Kämpfen eine wichtige Rolle.

In seinem Impulsvortrag hob Nnimmo Bassey, Aktivist aus Nigeria und Träger des alternativen Nobelpreises, hervor, dass die Aktivist*innen der Welt keine andere Option hätten, als globale Allianzen zu bilden, “da die Natur der Krise auch global ist”. Er habe allerdings das Gefühl, dass “eine Bereitschaft in der Luft liegt, zum nächsten Schritt überzugehen – zu Allianzen über Grenzen und Kontinente hinweg.” Auch wenn die konkreten Ziele der vielfältigen lokalen Kämpfe verschieden seien, “sind  unsere übergeordneten Ziele dieselben, und die Stärke jeder Allianz liegt in ihrer Vielfalt.”

Sheila Menon, Klimagerechtigkeitsaktivistin aus Großbritannien findet, dass wir, um den Klimawandel aufzuhalten, das Thema Klima und Klimagerechtigkeit in alle anderen Kämpfe für soziale Gerechtigkeit hineintragen müssen, denn diese seien nur scheinbar davon getrennt, auf tieferer Ebene jedoch damit verbundenen Dies könne jedoch nicht dadurch gelingen, dass wir mit unseren Themen auf diese Initiativen zugehen, sondern indem wir vor allem zuhören, wirkliche Solidarität zeigen und gezielt auch ihre Anliegen unterstützen.

Umweltaktivist Lucky aus Südafrika sieht dies ähnlich und  erinnert daran, dass die Grundursache verschiedenster ökologischer und sozialer Krisen im Kolonialismus läge. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre, dass Menschen aus dem globalen Norden dies anerkennten und zugäben, dass sie stark privilegiert seien und Nutzen aus den Folgen des Kolonialismus zögen. Als ein Beispiel nannte er, dass Deutschland Kohle aus Südafrika importiere, obwohl viele Südafrikaner selbst keinen Zugang zu Elektrizität hätten. Da die Konzerne, die die Ressourcen des globalen Südens ausbeuteten, ursprünglich aus dem Norden stammen, rief er Initiativen aus dem Norden dazu auf, diese und die mit ihnen verbundenen Regierungen unter Druck zu setzen, um solchen Extraktivismus zu stoppen.

Simon aus Freiburg wie auch viele andere auf dem Klimacamp und in der Degrowth-Bewegung teilt diese Ansicht: “Die Diskussion um Privilegien und die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle ist eine Schlüsseldiskussion.  Das ist eine Debatte, die unbedingt nach außen getragen werden muss, weil sie im allgemeinen wenig stattfindet.” Dank der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Teilnehmende von allen Kontinenten zur Sommerschule gebracht hatte, gab es viele Austauschmöglichkeiten auch auf persönlicher Ebene. Dies, zusammen mit den vielen Besucher*innen aus anderen europäischen Ländern, machte die Sommerschule und das Klimacamp zu einem wirklich internationalen Event.

Zeit für das Aktionslabor – Kohleabbau ist kriminell

Nachdem die Kurse der Sommerschule vorbei sind, ist es nun Zeit für das Aktionslabor, wo verschiedene kreative Formen des Widerstands vorbereitet werden können, um die Kohleinfrastruktur in der Region zu stören. Um es mit Nnimmo Bassey zu sagen: “Diese Tagebaue sind kriminell, das ist Ökozid. Ich wusste nicht, wie groß das alles ist. Wenn ich an Eurer Stelle wäre, würde ich diesen Kampf auf internationale Ebene bringen.”