Pressemitteilung

1.100 Expert*innen fordern Degrowth als Weg aus der Coronakrise

Neue Wurzeln für die Wirtschaft: Wissenschaftler*innen, Expert*innen, Aktivist*innen, Künstler*innen, und Organisationen aus der ganzen Welt fordern einen Abschied von der Wachstumsabhängigkeit unseres Wirtschaftssystems, um weitere Krisen zu vermeiden.

13.05.2020 – In einem heute veröffentlichten offenen Brief fordern mehr als 1.100 Expert*innen und über 70 Organisationen aus mehr als 60 Ländern eine Degrowth-Strategie als Weg aus der Coronakrise. Die Unterzeichner*innen sprechen sich für ein vom Wirtschaftswachstum unabhängiges, sozial gerechteres und nachhaltigeres ökonomisches und politisches System aus, um aktuelle Krisen zu überwinden und künftige zu verhindern. Unter den Unterzeichner*innen sind unter anderem George Monbiot (Autor, UK), Alberto Acosta (Autor, Ecuador), Carola Rackete (Aktivistin, Deutschland), Jean Ziegler (Autor, Schweiz), Alexandra Strickner (Attac-Mitbegründerin, Österreich), Matthias Schmelzer (Forscher, Deutschland), Julia Steinberger (Forscherin, UK), Arturo Escobar (Forscher, Kolumbien/USA) und Ashish Kothari (Umweltaktivist, Indien) und Giorgos Kallis (Forscher, Griechenland). Der Brief wurde unter anderem in openDemocracy (GB), Mediapart (Frankreich), The Wire (Indien), HGV (Ungarn), ctxt (Spanien) und Pagina 12 (Argentinien) veröffentlicht. Von 29. Mai bis 1. Juni findet eine von Wien aus organisierte Online-Konferenz zum Thema Degrowth statt.

In dem Brief werden nationale und internationale Institutionen sowie zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Akteur*innen aufgefordert, bei ihren Schritten gegen die Wirtschaftskrise fünf Prinzipien zu folgen, mit denen gleichzeitig auch soziale und ökologische Probleme gelöst werden können. Die Unterzeichner*innen des Briefes rufen zu Degrowth (auch bekannt als Postwachstum) auf: einer geplanten, aber lokal angepassten, nachhaltigen und gerechten Reduktion der Produktion, deren Ziel eine Zukunft ist, in der mit weniger Ressourcenverbrauch ein gutes Leben für alle sichergestellt werden kann. Dies setzt voraus, das derzeitige auf Profite ausgerichtete kapitalistische System zu transformieren. Dagegen lehnen die Unterzeichner*innen blindes Vertrauen in die Marktkräfte ab und sprechen sich gegen „grünes Wachstum“ und eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch als dominante Strategien zur Lösung ökologischer und sozialer Probleme aus.

“Die durch das Coronavirus ausgelöste Krise hat bereits viele Schwächen unserer wachstumsbesessenen kapitalistischen Wirtschaft offenbart: Unsicherheit für viele, durch jahrelange Sparmaßnahmen geschwächte Gesundheitssysteme und die Missachtung einiger der wichtigsten Berufe. Die sogenannte „Normalität“ ist gekennzeichnet durch die Ausbeutung von Mensch und Natur und war bereits eine Krise. Jahrzehntelang waren es die dominanten Strategien, die wirtschaftliche Verteilung weitgehend den Marktkräften zu überlassen und die Umweltzerstörung durch Entkoppelung und grünes Wachstum zu reduzieren. Das hat nicht funktioniert, und es wird auch in Zukunft nicht funktionieren“, sagen die Initiator*innen des Briefes.

Die Unterzeichner*innen stellen fünf Prinzipien für die Erholung und Umgestaltung der Wirtschaft und für eine gerechtere Gesellschaft vor:

1) Das Leben in den Mittelpunkt unserer Wirtschaftssysteme stellen.

2) Radikal neu bewerten, wie viel und welche Arbeit für ein gutes Leben für alle notwendig ist.

3) die Gesellschaft um die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen herum organisieren.

4) Die Gesellschaft demokratisieren.

5) Politische und wirtschaftliche Systeme auf dem Prinzip der Solidarität verankern.

“Der gegenwärtige Rezession ist nicht Degrowth, auch wenn manche sie fälschlicherweise so nennen. Degrowth bedeutet, die Befriedigung der Grundbedürfnisse aller Menschen sicherzustellen, unabhängig davon, ob die Wirtschaft wächst oder nicht. In einer gerechten Postwachstumsgesellschaft könnten wir einen Großteil der Wirtschaft für Monate stilllegen, und könnten dennoch eine Versorgung mit Lebensmitteln sowie Unterkunft und Gesundheitsversorgung für alle bereitstellen. In einer kleinräumiger organisierten Wirtschaft und entschleunigten Gesellschaft wäre eine Pandemie wie COVID-19 weniger wahrscheinlich, sie würde sich weniger schnell ausbreiten und weniger Leid verursachen. Die von COVID-19 verursachte Wirtschaftskrise hängt mit unserer Abhängigkeit vom Wachstum zusammen”, so die Initiator*innen des Briefes.

Ende Mai hätte die Konferenz “Degrowth Vienna 2020” in Wien stattfinden und einen physischen Austauschraum für die Degrowth-Bewegung in Europa bieten sollen. Aufgrund der Coronakrise wird die Konferenz (von 29. Mai bis 1. Juni) nun komplett online stattfinden. Die Veranstalter*innen, die wesentlich am offenen Brief beteiligt waren, laden am 25. Mai um 10:00 Uhr zu einer Online-Pressekonferenz. Anmeldung unter: media@degrowthvienna.org.

Mehr Informationen:

Link zum offenen Brief: https://www.degrowth.info/en/offener-brief/
Bilder zur freien Verwendung
Degrowth-Konferenz Wien: https://www.degrowthvienna2020.org

Pressekontakt:

Manuel Grebenjak
Tel.: +43699 17238755
E-Mail: newroots@degrowth.info